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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.20

Durch die Blume
Histörchen von Albert Hirschberg

Kennen Sie die Blumensprache?" fragte Frau Detta Dalmers

ih;~n Tischhcrrn, den Referendar Ernst Paulsen, hegehrlichen

Blickes. "Ich?" entgegnete der junge Jurist mit seinem gewinnendsten Lächleln. "Aber natürlich, meine Gnädigste!
Vier lebende, zwei tote Sprachen sind mir gcläufig, dazu
etwas Esperanto und eben auch. Bild~rsprach.~n, WJe Bncfmarken-, Blumensprache ~nd. ah~bch.c Scher~e.
Die Natur ist ja so neslg vIelfaltIg 10 Ihren Ausdrucksmi'ttcln", mischte
sich
Sanitätsrat
Ockcrt ins Gespräch,
während
seinc wulstige
Hand dic wenigen
sardellen artig auf
seinem Glatzkopf
"erirrten
Haarsträhnen mühsam
ordnete. "Gerade
die Blume hat zu
allen Zeiten und
bei aUen Völkern
als beredter Liebesbote gedient."
Die ganze Tisch~esellschaft

griff

Frau Dettas anrcgende Debatte auf,
während der Referendar einen ermittelnden
Glut.
hlick vo n ihren
blauen Vergißmcin.
nichtaugen
über
die rosenfarbigen
Lippen in den 't iefen, offen und feil
daliegenden Hals
abschoß .. ' . " Bei
d en Orientalen Z UE1
Beispiel wird die
Blum.?nsprachc "
"Salcm genannt!
dozicrte der geschwätzigc
Sanitätsrat weitcr, und
Fräulein
Lisheth
Dingler, die immer
schlagfertige Tochter des Hauses,
sprudelte in einem
Atem glcich eine
ga nze Menge ver·
blümter Ausdrucksmöglichkeiten auf den Tisch: "Jcde Blume
hat ihren eigenen geheimen Charakter. Unschuld = Lilie,
Anmut = Tausendschön, Abend = Moon, Tränen = Rosmarin ,
Bosheit=Brennessel, Anhänglichkeit = Klette, Hochzeit=My rte
und A ndenken = Vergißmeinnicht" sind wohl die bedeutungsvollsten. "Oho, da gibts noch eine ganze Menge mehr", fuhr
Frau Detta dazwischen. ,.Ich nennc nur Ehre = Rittersporn,
Tod = Zypressc, Furcht = .Espenlaub, Bescheidenheit = Veil.
ehen Hoffnung = Immergrun, Kummer = Aster und hundert
ande're."
Ruhm und Lorbeerzwcig, Sieg und Palme, Kraft
und Eiche" Einsamkeit und Heidekraut nicht zu vergcssen",
mahnte de'r feiste Sanitätsrat (dabei eine saftige frische Birne
kauend).
"Aber die Hauptsache ist und bleibt die wel~bewegende
Liebe, meine Damen", stichelte Ernst Paulsen, wahrend man
sich eben geräuschvoll vom Tisch erhob, um sich dem Tanz
zuzuwen.d en.
Schon bei den ersten Pendelbewegungen im Zweischritt
fühlte Ernst Paulsen als ausstudierter Lebemann eine flüchtig e
Restätigung seines vorerst noch zögernd tastenden yerdachtes
gegen seine Partnerin Detta Dalmers. Und weil er wohl
wußte, wie dieses Kaliber Frauen genommen werden wollte,
erdreistete er sieh keck die gewagtesten Vorstöße.
"Mein Mann -", meinte sie eben noch etwas verschämt,
"ist jetzt viel verreist. Er dirigiert so oft außerhalb."

10

"A lso steht einem kurzen Teebesuche meinerseits demnächst
wohl kaum etwas im 'vVege'?"
,,0 doch", widersprach sie, mit einer bei ihr seltenen
Energie. "Am Tage könnten Sie von Nachbarinnen gesehen
werden, dem übelsten Klatsch wäre Tür und Tor geöffnet."
"Also bUebe uns nur die Nacht als Bewegungsmöglichkeit
-·in Ihrem Heim'?"
"Sst", hielt ihm Frau Detta scheinbar betroffen den Mund
zu,
indes
ihre
Zungenspitze zwischen zwei weiß·
blinkenden Zahn.
reihen hervorzüngelte.
"Sie gehen ja
gleich gehörig aufs
Ganze.
jüngster
Freund!"
"Der will ich ja
erst werden! jüngste Freundin ... "
unterbrach er sic
zutraulich. "Verfügen Sie nur über
meine Zeit, was
den Besuch anbe.
trifft, bereit sein
ist alles!"
Der Tanz war um
Ende, und Ernst
lieh Frau Dctta
blitzenden Blieks
seinen Arm, um
sie zu eincm Klub.
sessel zu geleiten,
in den sie sich, von
seinem Draufgängertum betreten,
müde niederfallen
ließ.
ErnstPaulsen War
ein Mann der Tat,
besonders tatkräftig aber in Sachen
des Liebeins. So
verfolgte er rück.
sichtslos auch jetzt
sein Ziel, und der
rasch gesuchte Erfol g sollte nicht
lange auf sich warten lasse n. - Frau
Detta selbst war
es, die ~hn nä~1ich bat, ihr scin O.hr ctwas näher zuzuneigen,
als Cr sIe luftfachelnd eben abzukuhlen sich bemühte.
"Also hören Sic, Herr Doktor, - ich weiß zwar noch nicht
positiv, wann cr nach Leipzig herüber will. - Er dirigiert dort
nächste Woche den Tristan ... Jcdenfalls _"
"Könnte ich ja telephoniercn?" sondierte cl' treffsichcr.
. "Um G?tt~s w!llen!. Das gäbe Mord und Totschlag! Dalmers
. Ist WahnS1l1Dlg clfersuchtig!"
"Dann geben Sie mir ein Zeichen!" bohrte er weiter.
"Also hören Sic. Ich wohne Ludwigkirchstraßc 72, erste
Trcppe links. Sobald mein Mann abreist, steHe ich cine
prachtvolle Topfrose auf das breite Mittelfensterbrett meines
Salons und ziehe die Gardine zurück."
Dabei erhob sie sich etwas, wobei ihr Auge das seine suchtc.
"Bravo!" nickte er befriedigt, "ein famoser Trick. Wohl
schon viclfach erprobt und bewährt? So - durch die Blume?'"
,. Detta gat:> ih~ einen leichten Klaps auf die \Vange. "Seien
Sie doch l1lcht Immer so frech! Ich liebe das krasse Unver.
blüm~e gar ni,?ht. Man kaschiert doch gern diescs häßliche
Dasc1l1 etwas.
"Aber natürlich. Machen wir! Es lebe die Blumensprache'"
Damit preßte er cinen Fünfminutenbrenner auf Dettas zierliches Händchen, was sie nur zu gern geschehen ließ.
        
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