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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

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,'Ir. 7

Ein Gemütsmensch
floratio

Wir saßen am runden Tisch bei Maenz und das
Gespräch war munter im Zickzack gegangen. Bei
welchem Thema es eigentlich angelangt war, ist
mir nicht mehr erinnerlich; ich habe mich vom
allgemeinen Stimm gewirr des wie immer dichtgefüllten Lokals ein bißchen einlullen lassen und
in die dicken Rauchwolken gestarrt, mich auch
über ein niedliches Persönchen vom Film am
Nebentisch gefreut, und horchte erst auf, als der
alte Sanitätsrat, der nach längerer Zeit mal wieder
bei uns war, meinte: "Ach ja, zu dem Thema
könnte ich auch mein Scherflein beitragen; denn
unsereinem kommt in der Sprechstunde manch
kurioses Menschenkind unter die Hände, das sich
uns in den ersten fünf Minuten mehr offenbart,
als sonstigen Nebenmenschen in Jahr und Tag.
Den anwesenden Damen sei es übrigens gleich
im Voraus gesagt, es handelt sich um einen
rechten Hans Urian, der seiner Frau gegenüber
weder das notwendige Verantwortungs_ noch das
gebührende Zartgefühl hatte. Abgesehen davon,
erschien I:,r mir aber als ein ganz pläsierliches
Exemplar des homo sapiens L. und ich habe ihn
in Erinnerung behalten, obwohl es schon an die
20 Jahre her ist, daß er bei mir war.
Meine Morgen-Sprechstunde war schon längst
vorbei und ich weiß nicht mehr, weshalb ich
eigentlich noch zu Hause war; da klingelte es
und meine alte Wirtschafterin, die ich damals
h~tte, meldete mir einen Herrn, der es s~hr eilig
hatte. Als ich ihn hereinbat, stellte es SIch bald
heraus, daß der forsche junge Mann - er mochte
so Ende zwanzig sein _ seit 14 Tagen Strohwittwer war und vor einer Woche nicht ungestraft
die Freiheit genossen hatte.
Einige Tage lief er nun schon leicht ramponiert
herum, .u nd ich fragte ihn daher, wes~alb er ..es
denn gerade jetzt so eilig hätte. WeIl er moglichst bald gesund werden möchte, "den!l'" ~nd
dabei zog er seine Uhr aus der Tasche, ,,10 emer
halben Stunde muß ich zum Anhalter Bahnhof,
meine Frau abholen; die kommt aus der Sommerfrische".
Das war mir denn doch ein bißchen zuviel
Harmlosigkeit für einen Erwachsenen und ich
ramschte den Mann tüchtig zusammen und machte
ihm seine Pflicht gegen seine Frau und gegen sich
selbst klar. Scheinbar nicht ohne Erfolg; denn
ganz zerknirscht saß er vor mir und dachte angestrengt nach, wie er am besten der Forderung
des Tages, resp. der nächsten Wochen gerecht
würde. Resultat des Nachdenkens: wie es denn
wäre, wenn er sofort - offiziell in Geschäften auf 14 Tage nach Hamburg ginge, um sich dort
gründlich behandeln zu lassen?
.
Das wäre immerhin was, meinte ich' er solle
sich aber nicht wundern, wenn die Kur dann
noch nicht beendet wäre, vielmehr bis zur vollständigen Wiederherstellung - - na was
man so alles sagt, einen Tag wie alle 'Tag~, um
nach Möglichkeit aU das Malheur zu verhindern,
das cben so sicher wie das Amen in der Kirche,
einen Tag wie alle Tage sich ereignet.
Doch mein munterer Buttervogel hörte schon
gar nicht mehr zu; wie Sonnen leuchten ging es
plötzlich über sein 26. hübsches und offenes Gesicht, und wie aus einer anderen, schöneren Welt
kam als Antwort auf meine Vorstellungen:
"Jawohl, so mach ich's; ich kann auch, wenn
es not tut, einige Tage länger bleiben. Denn das
trifft sich sehr gut: wir haben gerade einen Umzug vor, und den kann dann, während ich in
Hamburg bin, meine Frau so recht ungestört
aUein besorgen."
U nd strahlend über diese glückliche Lösung
aller Schwierigkeiten zahlte er sein Honorar,
schüttelte mir dankbar die Hand zum Abschied
und eilte zum Anhalter Bahnhof.
Ich habe diesen Gemütsmenschen nie wieder
gesehen.

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