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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.7

J nnro.2(j

Von Erwin Slultfing

Er hieß Dr. Alfons Valbez und war, - ja, was er war, weiß
ich eigentlich nicht. Nur womit er sich tags rcsp. nachts hcsc häft igte, ist mir bek annt und wird aus n achstehcnd er Anekdote deutlich hervorgehen. picse kann, wie viele ihresglcichen,
cum grano salis bch aft et sem, doch ubernehme ich kcin e Verantwort un g dafür. Zeit: Gcgcnwart. Ort dcs Gcschchens:
ein Luxushotel im Berliner Westen.
Wenn Don Valbez, wic man in sei nen Frcundeskreiscn behauptet, magische Kräfte besitzt, mit denen er dic Frauen an
sich zieht, so erfrcche
ich mich dic A n alyse
dieser
Kräfte
zu
machcn . Vier Momente sind beachtenswert:
Sein Außercs verriet
dcn lcid cnschaftlichcn
Sproß Hispaniens, seine Bri eftasc he verriet Devisen (darunter
das SesaIDöffnedich:
Dollar), - ihm gin~
der Ruf eines Herz knickers voraus, und
- seine Anziehungs kraft erstreckte sich
lediglich auf d eu t sc h e
Weiblichkeit.
Dazu kam, daß Valbez ein vorzüglicher
Mensehen;,enner war
und mit feil.em Instinkt die Schwächen
seines Nächsten erkannte. Aber - just
über diesen Punkt er. zählen b05hafte Zungen folgendcs:
Im barocken Teesaal sitzt Valbez mit
einer Dam'c in lchhaftestem Ge plauder.
Worübe r sie sprechen ?
Nun - worüber man
bei solch en Gelegen heiten
spricht!
Er
lächelt soeben: .. Sie
ahnen gar nicht, wie
woh l es tut, so in der F remde nicht allein t afe ln zu müssen!"
- Die Brünette sch aut auf den Tra uring an der Rechten d es
Kava liers. Va lbez hatte es sich n ämlich zum P rin zip gemacht,
damit zu siegen, womit die anderen hereinfallen. Während
dic Ehetrottel ihre galanten Abenteuer mit dem Go ldreif in
dcr Westentasche versuchen, trug Valbez das Symbol der
Treue, ob gleich er gar nicht verheira t et war.
Sie rührt in der Tasse: .. Und Ihre Frau Gema hlin verzichtet
auf die Reise?" - Zwei Pupillen glitzern. ..Nein, das kann
man nicht recht sagen. A ber ich reise lieber allein." - Sie
scheint peinlich bcrührt. . Er sieht es,. ach~e t jedoch nicht
darauf: "Es wäre obcndrcm taktlos, seme hau - kurz: in
der Fremde will ich Fremdes. Reisen heißt mir: Abwechslung
haben." - .. Herr Doktor!" - "Bitte, gnädige Frau, hier vom
Pfirsichkuch en!" - Er reicht ihr die Schale. Ihr entflammter
Zorn ist durch seine b eispiellose ~uhe entkräftet . Einige
Minuten plätschert die Unterhaltung In harmlosen Gewässern.
Dann beginnt Valbez wieder: .. reh beobach.tete, daß die Berlinerinnen zumeist ctwas Blaustrumpf smd Im Vergleich mit
roman ischen F rau en. Schade, " .. Wieso, mein Herr?
Schade' nennen Sie das? Mir scheint, das Verfügungsrecht
~ber die eigene Frei heit soll dur ch M.or~l ein~ed~mmt bleib en,
denn nur eine a usgesprochene PersonIIchkelt ~o~nte ~s wagen - " ... Ganz meine Meinung. Abe r diese PersonIIchkelt fehlt
eben, und wo sie tatsächlich ist, tritt sie kaum aus sich heraus.
Wenigstens erst nach wochenlanger Bewerbung durch ly~i sche
Anbet er. U nd das ist nicht nur Lü ge, sondern Zettverschwendung und entsetzlich langweilig." Ihre schmalen Hände
gleiten nervÖs über das Tischtuch: "Trotzd em sind die hiesigcn

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Sittcn auch für A usländer richtunggebend". sagt sie leise
und beb(!nd. ..Das weiß ich nicht", entgegnet er kühn. ..Ich
selbst kummerc mich nicht darum". Was wollen Sie damit sagen?" forscht sie, und ihr Blick sp;~ht unter dem breit rand igen Hut hervor. .. Daß ich auch ohne Präludien zu m einem
Ziel gelange .." Tiefes Schweigen. Drüben klappert der Kellner.
A m NebentIsch .lacht J em,~ nd . Sie fragt in fast ironischem
Ton: .. Aber es gIbt auch Falle, wo Sie sich verrechnen nicht
wahr?" - .. N~in ". - Sie macht Anstalten, den Tisch ; u verlassen. Da bItten seine Augen und : .. Hören Sie mich an,
gn ädige Frau! Warum
sollen wir d enn kein e
Theorien
erörtern
dürfen?" - "Weil es
mir
unsympathisch
ist, Dinge vorgesetz t
zu erh alten, durch di e
Sie sich in ein zwar
rom an ti sehcs,
aber doch trügerisches
Licht setzen. Wenn
Sic mir beweisen können ". "Gewiß.
Sprechen Sie es nur
aus: Sie beabsichtigen,
mIch zu blamieren.
~ in e .W ctte: vermag
lc h. ~I ~ zu bcwegcn,
frelw tlltg mein H otelzimmer zu betretcn
so sei mir Sieg und ~
Lo hn gewährt, ja?" Sein e Züge sind etwas
lebhafter
geworden.
Die fremde Schöne
reizt ihn. Er cmpfindet die Schwierigk cit,
gerade diese Frau zu
er rin gen und sagt sic h,
daß nur ein hoher
E insatz Erfolg haben
könnte. Und Sie? Sie
reicht ihm spö tti sch
dic feine Hand.
A m nächsten Tage
treffen sie sich im sel, .
.
ben Saal. Alle übri gen
fIsc he smd leer, denn nebenan ist zu gleicher Zeit Kedoute.
Als d er Ober erscheint, erkundi gt sich Valbez nach dem
Hotelier. "Sogleich", verbeugt sich der Befrackte. Kein Wort
tiber die gestrige Vereinb arun g fällt. Man ist zeremoniell. Plötzli ch entschuldigt sich Va lbez und geht dem eingetretenen
Hoteldirekto r entgegen. Man sicht die beiden Herren verhandeln, - dann kehrt Valbez gleichgültigen Gesichts zu seiner
~ame zurück: .. Gestat t ~n c:; nä?igste die Fragc, wo und wann
Ich d~~ ausgesetzten PreIs fur dIe gewonnene Wette empfange n
darf? - SIe stoßt e rschrcckt an d as Service. Der Kellner blickt
fragen~, herüber. :,Doktor Valbez , es gibt interessan!cre
WItze! - .. Fur mIch nicht, denn ich habe die schönste Frau
Berlins besiegt." - Sie erbleicht im unklaren Empfinden drohender Gefahr und lacht gezwungen. Er erklä rt: .. Der Raum,
in dem Sie augenblicklich Tee und Pfirsichtorte nehmen, gehört
mir. Ich habe ihn vor anderthalb Minuten gemi et et." Da
springt sie auf: .. Das ist nicht - ". ..Bitte, ich lasse sogleich
den Direktor, - er wird Ihnen gern die Quittun g üb er 21 Dollar
vorweisen". - - - Eine Stunde später hob Valbez seinen
l( opf von der leuchtend en Brust einer Frau, di e mit ge röteten
Wangen auf d em Sofa lag und eine Zigarette in d er schlaff
herabhängenden Hand hielt. - - - Nu n frag en mich di e geduldigen Leser mit Recht nach der großen Dummheit dieses
Helden, d enn bisher hatte es d en Anschein, als ob hier ein
G lücksritter geniale Schachzüge getan hätte. Die t at er auch
zweifellos, aber er tat sie unnütz. Sozusagen am falschen Objekt. Dense lben - wenn nicht gar schöneren - Erfolg hätte
er nämlich mit d er Hälfte d es fortgeworfenen Geldes haben
können, wenn er es - der wohlerzogenen Frau gegeben hättc.
Denn di ese war ursprünglich ein Sehankmädel aus Pankow.
        
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