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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Janrg.26

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C.l==============================================.(~
Von Horatio

Otto Juliu's Bierhaum hat "Studentenbeichten" geschrieben;
warum sollen andere nicht das G leiche tun? Allerdings geht
es in dieser kleinen Beichte weniger heroisch und dramatisch
zu wie bei Bierbaum, bei dem sich die Beiehten zu ganzen
Novellen auswachsen; sie ist mehr eine Anekdote, die vielleicht dcm Erzähler mehr Spaß macht als dem Leser. Aber
sei es drum; es tut ganz gut, sich und andcren vorzuführen,
wie jung, grün und naiv man war; sich, damit einem in dcr
allmählich zugewachsenen Gottähnlichkeit nicht bange wird;
anderen, damit sie sehen, daß ein Jeder sich durch holde
Torheit hindurcharbeiten mußte . . .
Es war in München, Ende der 80 er Jahre, zur Karnevalszeit.
Der nahe Termin des Physikums störte etwas die Harmlosigkeit des Dascins und zwang zu intensiver Arbeit; doch ließ
diese einem immer nobhZeit, sich nach einem kleinen Matschakerl umzusehen. (Für philologisch gestimmte Gemüter:
dieser Ausdruck wurde damals in der Tat aus Oesterreich
nach München importiert; besonders ein k . u. k. Kavallerieoffizier a. D .. der unserem Kreise angehörte, machte sich sehr
verd ient um diese Bereicherung unseres Sprachschatzes.)
Na, es war ja auch nicht schwer, etwas fürs Herz zu finden,
und die Flitterwochcn verliefen in eitel Glück und Seligkeit.
Aber es waren nur Wochcn; dann zitierte der allzu Glückliche
aus seinem geliebten neuen Tannhäuser von Eduard Griseban:
"Vom salzgen Schaumc Aphrodites trank er
zu viel, zu viel auf hohem Meer der Liebe."
Denn muß deI ~terblichc Mensch nieht unter einem Übermaß von Glück zusammenbrechen, wcnn nach Trennung am
Morgen schon nachmittags ein vier Seiten langer Brief eintrifft. dessen Überschwang höchstcns durch eine reichlich
, individuelle Orthographie gewürzt wurde? Oder wenn bercits
um sieben U hr morgens stürmischer Liebesbesuch crfolgte:
"Weißt, Schatz, weil wir uns doch gestern den ganzen Tag
nicht gesehen hahen, und ich heut erst um acht Uhr aus dem
dummen Geschäft komme". Das war hart für einen begeisterten Langschläfer, und ich fing an erheblich zu zweifeln
an Goethes Maxime: "Gefühl ist alles". Ach nein, wenn bei
der Geliebten alles Gefühl ist, so läuft man Gefahr, in diesem
Übermaß von Gefühl zu versinken wie die Fliege in dcr Dose
mit Honig. Meine - damals noch kgl. - bayrische Ruh wollte
ich hahen und löste daher die zarten Bande.
Respektive versuchte das zu tun; und zerriß die Fäden,
als eine gütliche Lösung nicht möglich war. Wobei in meinem
letzten Briefe ein etwas kräftiger Ausdruck gefallen sein muß,
denn die Liebe wandelte sich bei ihr in lodernden Haß und
wenige Tage später bekam ich eine Vorladung zum Sühnetermin "in Sachen der unverehelichten Margarete Rapsenhube r und des cand. med. Horatio wegen Beleidigung"
zugesteHt. Na, da - - ,
Diesem Termin verdanke ich nun, daß ich die oberen
Stoekwer~e des Rathauses sah, von dem der Deutsche sonst
nur den sehr sympathischen Keller kennen lernt. Er fand an
einem wundervollen Vorfrühlingsnachmittage statt, und der
provozierend blaue Himmel, der in den englischen Garten,
das Isartal oder sonstwohin lockte, war es vielleicht, der den
armen an sein Büro geschmiedeten Beamten in so grimmige
Laune versetzte. Daß ich "Preiß" war, verbesserte meine
Lage auch nicht eben, genu~, ich wurde miserabel behandelt
und mit allerhand merkwurdlgen Fragen behelligt. so z. B. der,
ob ich denn das ehrsame Fräulein Rapsenhuber hätte heiraten
wollen? Und nach einem lauten und vernehmlichet;!i "Nein!"
mit dp.r zweiten Frage: was ich mir denn .eigentTich dabei
gedacht hätte. ,.Denken tu ich ,dabei' sehr wenig", mcinte
ich harmlos, bekam einen Verweis : hier nicht frivo l zu sein,

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und der Sühnetermin wurde als erfolglos geschlossen unter
Verweisung des casus an das Schöffengericht.
Das fehlte noch gerade! Ich wollte bald nach Hause fahren,
das nächste Semester mir ein anderes Stück Deutschland ansehen und war weiß Gott nicht entzückt über diese Wendun"
der Dinge. Als eventuell vorbestraftes Individuum in Delltsch~
land zu existieren, verbesserte die Chancen des bürgerlichen
Lebens in jener Zeit in der Tat nicht.
Nun gab es damals in der Sehillerstraße die Velltiner Weinstube, wo aJleriei Maler- und Künstlervolk verkehrte und ich
gern gelegentlich ein Stündchen verträumte. Da kehrte ich
ein, meinen Fall bei einem Schoppen Rotcn durchzudenke n.
"Ja, was ist denn, Herr Doktor, Sie sind ja so ernst?" meinte
der Wirt, und als ich mich ihm offcnbarte: "Da müssen's zum
Herrn Rechtsanwalt Dr .. Stern hin; wissen 's den großen schwarzen Herrn, den Sie auch schon bei mir gesehn haben ; der
WIrd Ihnen schon ei n~n feinen Rat geben' das ist ein danz
Gescheiter."
,.
b
So kam es, d aß ich einen Tag später am großen Diplomatenschrelbtlschc des Herrn Dr, Stern saß und ihm den casum
vortrug. "\,iel Freude machte es dem Herrn Rechtsanwalt,
der zuerst In aSSY rischer Strenge und Starrheit zuhörte dann
aber mit Behagen die kuriöse Märe vernahm und zum Schluß
die Frage an mich richtete: "Ist Ihnen das Fräulein Rapsenhuber so unsympatlusch geword~n, daß ein vorübergchender,
so doch ventahler Akt der Versohnung mit ihr Ihnen unmöglich wäre ')"
\Vas wäre einem damals in dieser Bcziehung unmöCllich
gewesen? Also wurde die Möglichkeit freudig bejaht. "Dann
ist die Sachc sehr einfach: der alte Streitfall wird hinfällig,
sobald es zeitlich nach ihm zu einer A ussöhnung zwischen
den Parteien kommt. Also gehen Sie zu dem Fräulein, sehen
Sie nach Möglichkeit zu, daß der Vorgang nicht unbemerkt
bleibt, und nach erfolgter AUSSÖhnung Vorsicht. daß keine
neue beleidigende Äußerung fällt!" Damit war ' ich in Gnaden
entlassen und hatte das weitere zu besorgen.
Das verlief alles programmäßig unter dem Motto: ,,\Vard je
in solcher Laune ein Weib gefreit?" Richard der Dritte, Akt I,
Szene 2. Klingeln. Herzlichste Begrüßung der wohlbc1eibten
Wirtin, schüchternes Anklopfen usw. usw. Zu bemerken wäre
nur, daß ich die Mahnung, "den Vorgang nicht unbemerkt
bleiben zu lassen", sehr exakt befolgte, indem ieh im weiteren
Verlauf der Aussöhnung ein etwas wackliges Nachttischchen,
das irl ElJenbogennähe stand, umstieß. Als ich mich dieserhalb da nn beim Fortgehen bei der Wirtin entschuldigte und
ihr eine umfassendere Entschädigung in die Hand drückte,
hatte ich noch die Freude, daß sie meine Untat mit den
Worten anerkannte: "Jessas, Jessas, Herr Doktor, soan Sie
aber stürmisch! Wie hab'ns denn das nur angestellt? J a, ja,
Jugend hat keine Tugend".
Damit ist die Beichte zu Ende, denn es ist ihr wirklich
nichts mehr hinzuzufügen. Oder muß ich für pedantische Leser
noch ausdrücklich hinzufügen, daß nach diesem privaten
Sühnetermin in der Tat keine Schöffenverhandlung mehr
stattfand? Aber das "Berliner Leben" hat ja gar keine pedantischen Leser, sondern nur schöne Leserinnen und geneigte Leser, die allerdings vielleicht sagen w~rden: "d as ist
ja eine ganz pointenlose Gesc hichtc". Da antworte ich : "Ach,
hüten Sie sich vor denen mit Pointe ! die sind im Studierstübchen entstanden und verliefen nur im Köpfchen des Poeten
so." Das Leben aber ist weniger bedacht auf künstlerische
Pointierung seiner Ereignisse; es weiß, daß es auch ohnc eine
solche erfreulich bunt ist. - - -
        
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