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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Janrg.26

Nr.7

Die Verblüffung

Vom Spezialistentum
der 'Frau

Eille Pnalllasie VOll Erwill Setfdillg

Introduktion
Im will seinen Namen nennen, - er hieß Wolfgang. Aber
ihr e n will im versmweigen. Nimt nur, weil er wirklim "nimts
zur Same tut", sondern vielmehr aus psymologismen Gründen. Wir
sind so arm an smönen Mädmennamen, so entsetzlim beengt in der
Skala von Liesmen bis Lissy, daß fast an jedem dieser N amen ein
Stüdt Charakteristik - Erinnerung vielleimt - haftet, und daß
wir uns aus den Geweben des Vorurteils kaum zu befreien vermögen,
wenn wir den Namen ohne den dazugehörigen Mensmen kennen.
Bei ihr aber, von der im berimten will, würde jede Registrierung
fehlsmlagen und jedes Vergleimen mit andern Frauen gleimen Namens
Unsinn sein. So beispiellos war sie.

*
Andante
Gestern erzählte mir Wolfgang, wie er ihr begegnet war, wie er
entflammte für die einzigartige Rassensmönheit der jungen Russin
und wie er alles dranzusetzen bereit war, um sie für sim zu gewinnen. Und im habe gestaunt, daß ein Weltmann vom Smlage
Wolfgangs derart unbeherrsmt und ungeduldig werden konnte. Heute
ist es mir smon verständlimer, denn nun weiß im, wem er namstellte. Bloß eine Enttäusmung blieb: die Erkenntnis, daß aum
Wolfgang, der sonst immer eigene Wege ging, ein Opfer der viel~
begehrten Frau K. geworden war. Dom wer darf den Rimter spielen
über die seltsamen Zidtzadtsprünge des Herzens! Genug, er spram
davon, daß ihre Augen "tatsämlim wie dunkle Steine" blitzten, daß
ihre Hände durmsimtiger wären, als alles, was er bisher an Frauen
teint gesehen und daß die Linie ihres Mundes ein Mensmensmidtsal bestimmen könne. Mehr hatte er von den Köstlimkeiten ihres
Körpers nimt erfahren. Aber im weiß aus unbedingt zuverlässiger
Qgelle, daß die Formen unter dem bergenden Plüsmmantel pramtvoller
waren, als sie sim ein Mann heutzutage zu wünsmen wagt.
6

*
Presto
Es ist nom keine Stunde her, da Wolfgang zu mir lOS Smreibzimmer trat. Im erkundigte mim selbstverständlim nam seinem
Zustande  und fragte mit
Interesse nam seinen bisherigen Erfolgen in puneto puneti. Wie
erstaunt war im, als er mißgelaunt den Kopf smüttelte. - "Nanu, ist es dir nimt gelungen? Du kennst dom sonst keine Widerstände! - ".
"Das ist es nimt", meinte er. "Was im erstrebte, ging aum in Erfüllung: wir waren zusammen; den ganzen Abend. Aber das "wie"
Er nahm eine Zigarette aus der Smamtel und
entsmeidet." während im sie ihm anzündete, spram er weiter: "Vom ersten
Augenblidt unserer Begegnung an hatte mim das Bewußte ihrer
Smönheit gereitzt. Hier war eine Frau, die ihre Vorzüge beherrsmte
und ni mt eine, die sim beherrsmen läßt von ihren Vorzügen. Im
Verkehr mit ihr hoffte im die letzten Genüsse erst in Vollendung
zu erfahren." - "Und - ?" fragte im, da meine Neugier wums,"wie (rrangst du sie?" "Oberhaupt nimt", entgegnete er. "Das
ist es eben: Sie - kam allein!"

*
Coda
Das war gewiß ein harter Smlag für den Mann, der gehofft hatte,
in die Buntheit des Venushimmels geführt zu werden. Und im ·zog
still eine Lehre für mim daraus: Man hüte sim vor dem Raffinement
der Frau! Es möge aum hier einen toten Punkt geben, wo plötzfim die Natürlimkeit wiederkehrt, aber es mag ebenso aum Frauen
geben, die uns absimtlim durm Oberkultur täusmen wollen, um uns
dann hilf= und spramlos zu sehen, wenn sie das zeigen, was wir an
ihnen verabsmeuen: Aufrimtigkeit.

10

Es war an einem Sonntag Nammittag. In dimten Fäden klatsmte
der Regen gegen die Smeiben - der Himmel hatte sim seinen grauen,
smmutzigen Mantel umgehängt - und die Natur tat alles, um mir
mein zu Hause, die alten, treuen Möbel um mim her doppelt gemütfim ersmeinen zu lassen. Mit einem zärtlimen Streimeln glitten
meine Augen über all die köstlimen Nimtigkeiten in meinem traufimen Reich, und einen Augenbljdt länger als sonst wohl, verweilten
die Blidte auf den Bildern mein~r lieben Menschen.
Der kleine Doktor war bei hair, wie immer in diesen Stunden,
und nur ~r allein paßte in eine sQ-lme Stimmung. Sarkastism lächelnd
saß ~r m~r gegenüber i ein Meph'jsto fast, jenseits der Lämerlimkeit
und Jenseits des sim Ärgerns. Denn seine Bosheit war immer humorvoll und sein Humor immer boshaft. Er war alt, der kleine Doktor,
und verstand das Trösten - er war jung gewesen und vermomte
zu verstehen.
I.m ha~te dem kleinen Doktor mein Herz ausgesmüttet, hatte ihm
mem Leid geklagt über die Kleinlimkeit meiner lieben Nämsten
über den engen Horizont der Frauen, über die Famsimpdei im Kol~
legen kreise. Damit war das Stimwort für den kleinen Doktor gefallen,
dessen Geist immer einen kleinen Funken gebraumt<" um seine groflen
und hellen Feuer daran entzünden zu können.
"Sie spotten über die Famsimpelei, verehrte Freundin" - sagte
er - "aber Sie vergessen die alte und nun wieder ganz moderne
Weisheit, daß alles relativ ist im Leben. Verbinden Sie Famsimpelei
mit Spezialistentum - Spezialistentum mit Erfolg - und Sie werden
anderer Meinung sein. Die meisten Mensmen haben ihren Ruhm
dem Speziaiistentum zu danken. Die Männer in ihrem Beruf Wissensmaft. Kunst, Gesmäft - die Frauen auf ihrem ureigensten
Gebiet, der Liebe. Daß Ausnahmen aum in diesem Falle die Regel
bestätigen, beweisen einige Universalgenies, von denen im hier natürlim nimt reden will. Im allgemeinen ist ein wirkliches und emtes
Talent mehr wert als ein Dutzend von Talent ehe n, und eine Tat
wimtiger als tausend Arbeiten. Und wer alle Gebiete kenilt,
ohne nur ein einziges zu verstehen, wird es nie zu etwas bringen.
Sie dürfen das alles, verehrte Freundin, getrost aum auf die Frauen
anwenden und auf ihr Spezialistentum. Zunämst müßten die Frauen
klug genug sein, das Gebiet ihres Spezialistentums zu erkennen und
wissen, in welmes Fam eigeDtlim ihre Fähigkeiten sie verweisen.
Und sie müßten etwas genauer, als sie es gewöhnt sind, beobamten,
welme Besonderheit - oder Spezialität - ihnen ihre Erfolge smafft.
Bei der einen ist es die Sentimentalität, bei der anderen die Energie, bei
einer dritten die unbedingte Weiblimkeit, bei einer vierten ihre geistreimen Plaudereien, dann wieder Kindlimkeir oder MÜltfrlimkeit
oder Temperament. Das alles sind ganz spezielle Fähigkeiten, aber,
um sie wirklim nutzbar zu mamen, müßten die Frauen nimt damit
spielen, sondern damit arbeiten. Das ist der springende Punkt
dabei. Und sie sollten dabei aum nie vergessen, daß jeder Spezialist nur für eine ganz bestimmte Kategorie von Mensmen zu braumen
ist, daß er Feinde haben muß, um Freunde zu gewinnen.
Es gibt Männer, die alles in ihren Frauen sehen wollen: Geliebte
und Kameradin und Hausfrau und Mutter. Das aber ist ein Idealzustand, den zu smaffen nur ganz wenigen Frauen vorbehalten ist.
Die meisten werden sim innerlich, wollten sie ihn hervorzaubern.
zersplittern. Wenn man zuviel will, ist man smließlich gar nimts.
Und es ist besser, ein e n Beruf auszufüllen, als in vielen zu di.
lettieren. Aum die Männer können nimt alles, und sie werden es
sim nie zur Smande anremnen. Und glauben Sie mir, verehrte
Freundin, es gäbe mehr glüddime Ehen, wenn sim die Frauen remtzeitig darauf besinnen würden, daß letzten Endes alle Mensmen
nimts weiter sind als Spezialisten."
Der kleine Doktor hatte geendet. Stumm saß im bei ibm, und
es tat mir leid, me i n Spezialistentum nicht besser angewandt zu
7" i f f i
haben - damals, als es nom Zeit war. . .
        
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