Path:

Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jaftrg.20
llir. 6

Sagen wir also, sie. heißt
Sie heißt
zwar nicht so, aber das
rut nimts zur Same.
Also Mi» Annie sollte
nach Berlin kommen.
Seit Tagen smon wur:
.
den die Reklameposaunen
für sie geblasen. Ihr Impresario ist ein Gesmäftsmann. - Nodt
ehe sie einen Fuß auf deutsdten Boden gesetzt, brachten die
Tageszeitungen schon
Beridate über sie, und
die illustrierten Jour",
nale zeigten .i\hbildun
gen von ihren Pro:
duktionen und ihren
V oHblutpferden. Das
IntePeSSanteste
aber
war, was man über ihr
Vorleben berichtete.

Miß Annie.

6

Einmal las man, daß
sie ein Zigeunerkind
sei, das beim smiff~
bruch eines Auswan.
derers allein gerettet
wäre. Man habe sie
an der amerikanismen
Küste gefunden, und
ein Pflanzer, ein wüster
Gesdle, habe sie im
Reiten
unterrimtet.
Dann wieder sollte sie
ein Aztekenkind sein,
und die Anthropologen
woUten an ihrem ganz
besonderen Körperbau
erkannt haben, daß sie
ein letzter Abkömm:
fing der fast ausge..
storbenen
mexika~
nischen Ureinwohner,.
smafi sei. Ein drittes
Blatt wußte, daß sie
Indianerkind, T ocbter
des wilden Stammes
der Apachen sei, die
durm ihre Reitkünste
berühmt waren. Die
kühnste Behauptung
aber war, sie sei Fürst:

6

Iimer Abstammung und der Vater habe sich des Kindes
entledigt.
In England sollte sie mit Ruhm und Lorbeeren überhäuft
worden sein. Noch nie hätte man einer Kunstreiterin soviel
Ehre erwiesen. Und nun endlich sollte sie auch nach Berlin
kommen. Alle Welt las von ihr. Man erwartete sie als etwas
Geheimnisvolles und war aufs höchste gespannt.
Das Haus war ausverkauft, trotz der erhöhten Preise.
Als sie endlich in die Manege ritt, brach ein Jubelsturm los.
Es regnete Kränze und Sträuße, so daß ihr Pferd oft bäumte.
Aber die kühne
Reiterin übertraf auch
alle Erwartungen. So
etwas hatte man hier
nom nimt gesehen.
Alles im Bereich
dieser jungen Künst.,
lerin war seltsam und
neu. Bei ihren Pro:
duktionen wurde ihre
eigene Manege auf~
geschlagen. Und diese
war sehr klein. Schon
hierdurtt. erforderten
ihre
Darbietung!:n,
Tempo~ und Force:
sprünge, eine größere
Kunstfertigkeit als die
der andem Künstler,
weil ihr Pferd einen
kleineren Kreis be:
schrieb und die Auf:
einanderfolge
von
Sprungen sich schneller
vollzog.
Die ältesten Zirkus~
habitues hatten derartiges noch nicht ge:
sehen. Alles brach in
Jubel aus und die
Künstlerin hatte ihrem
Ruhmeskranz ein neues
Blatt eingefügt.
Und wie das in
Berlin stets zu sein
pRegt. wenn etwas ein:
mal den Stempel hat,
will sagen die erstmalige Anerkennung.
flog die Ruhmeskunde
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.