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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Johrg.26

Nr.!

Von

G~no

Leantler Onfiscnfae/Jer

"Du bist ja viel zu schade für diese schwere Welt, du
zarter, bunter Falter I Fast habe ich Angst, dir die silbernen
Flügel abzubrechen." Da küßte !1ie mich schelmisch auf den
Mund. "Bangbüchsel Wirst mich nicht so leicht umbringen;
ich bin zäh und habe eine verfluchte Lust zu leben."
Da nahm ich sie auf meinen Arm und tanzte mit ihr in
das bunte Gewimmel der Masken hinein, die das große
Atelier in tollem Treiben durchwogten. Die Kap'e1le übertrug
ihre
feuch t - fröhlichen
"
Launen auf die Tanzweisen. Plötzlich fiel. der
Geiger von seinem Podium. Ich trug meine
süße Last irgend wohin
auf die Decken, Polster
und Kissen, die rings an
den Wänden zum Liegen
einluden.
Tische und
Stühle sind als bürgerliche Einrichtungen bei
allen Künstlerfesten verpönt.
Eine tanzte jetzt allein
in der Mitte; unter den
Schleiern wogten
die
weißen, schlanken Glieder. Ein brauner Inder
sprang hinzu. Sie ringelte sich um ihn wie
eine
Schlange.
Nun
drehte er sie in cinem
tollen Wirbel, die Musik
schrie
in
taumelnder
Lust, und alles ging auf
in einer Symphonie VOll
Küssen und Zärtlichkeiten.
Nun lag mein Schmetterling bei mir auf dem
verschwiegenen Diwan.
Sie fragte nicht; was das
alles bedeuten sollte. Sie
war glücklich und ließ sich "IiOn mir bedieneJi in Erwartung der
Dinge, die da kommen sollten. Ich kniete vor ihr nieder;
streichelte sie mit meinen Küssen und nahm ihr die schillernden Flügel ab. Als ich auch die SC'hmctterIingshülle lösen
wollte, ergoß der Mond gerade seincn vollen Schein über
uns. Einen Augenblick schloß ich wie geblendet die Augen;
dann griff ich nach ihrer Hand, mein Herz stockte, ich rieb
mir die Augen, ich rief wie ein Wahnsinniger: "Isa! Isa!
Der D i w a n war lee r! Ich durchsu';hte das Zimmer,
meine Wohnung, vergebens, Isa war und blieb verschwunden.
"Heute wollen wir mal wieder ein hübsches Kind erlösen!"
sagte mein Freund und stellte eine Flasche Cura9ao auf
den Tisch. Er war ein weitgereister Mann und mit dem .
Wissen um allerhand geheimnisvolle Dinge- angefüllt."
"Was wollen wir?"
.
"Du wirst schon sehen. Halte nun mal die Flasche gegen
das Licht des Mondes!"
"Um Gottcs Willen!" Ich ließ beinahe ,1ie Flasche fallen.
"Hilf mir, Grigi, ich werde verrückt, 'lch sehe in der
flasche

10

"Du bist gar nicht verrückt. Du siehst ein junges, hübsches
Weib . . . "
"Meine Isa, meinen verschwundenen Schmetterling! 0
Gott, jetzt kniet sie und trommelt mit ihren zarten Händchen
gegen das Glas. Jetzt rauft sie sich die Haare. Donnerwetter, Grigi, willst du mich mit deinen orientalischen Zaubereien zum Narren halten?"
"Durchaus nicht' Trink nut! Weißt du denn nicht, daß ... "
Ich riß den Korken von
der Flasche und trank sie
gleich halb leer.
Isa
schien sich jetzt wohler
zu fühlen, bald sah ich
sie nur noch hauchartig
und als ich weitertrank,
verschwand sie ganz.
"Was soll das bedeuten? Wo ist sie hin?
Ich ,viII sie wiederhaben '"

___
\ .

"Das bedeutet, es wundert Inich, daß du das
nicht weißt, daß eine
Jungfrau, die in einer
Vollmondnacht vom Teufel heimgesucht wird, in
einer Likörflasche leben
muß, bis die Flasche in
einer Vollmondnacht geleert wird!"
"Und dann? Wo bleibt
sie dann? Willst du mir
nicht erklären, wie . . . "
Da sah ich Isa plötzlich auf dem Diwan vor
mir liegen. Ich stürzte
auf sie zu: "Isa! Isa' bist
du erlöst?
Lebst du
noch?"

Sie schlug die Augen
auf: "Warum schreist du denn so'? Du wirst die Leute
wecken!"
"Ach was; die Leute! Die Hauptsache ist; daß du nicht
mehr in der Flasche steckst'"
"In welcher Flasche?"
"Du weißt von nichts?"
"Ich weiß nur, daß es jet7.t Morgen wird und du mich hinauslassen mußt."
"Wie?"
Da zog Isa ihr Schmetterlingsgewand über, tauchte ihr
Taschentuch iil eine Blumenvase und legte es mir· auf die
Stirn.
"So, mein Junge, das wird dir gut tun."
Dann hing sie ihre Schmetterlingsflügel um, schlüpfte in ihren
großen Mantel, gab mir einen Kuß und sagte lächelnd: "Hier
ist meine Telephonnummer. Ruf mich mal gele:llentlich an,
wenn du magst; ich habe auch einen ganz guten Cura«ao zu
Hause!"
        
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