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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Nr.5

Jo6rg. 26

"Darf ich Sie einmal wiedersehen?"
Wir verabredeten einen Nachmittag. Da. es regnete, wählte
ich eine gemütliche E<.ke in einem Cafe; und da war es nach
einer halben Stunde, al~ wären die Kleine und ich schon seit
langem gute Freur.de. Hannelore hieß sie, lebte mit ihrer
Mutter, las viele Bücher, spielte auch Klavier .. . sie plauderte
in kurzen, abgerissenen Sätzen, während ich kaum auf ihre
Worte hörte, sondern immer nur auf die hübschen Lippen und
Augen schaute. Manchmal machte 'sie das verwirrt, und dann
errötete sie. Aber das kleidete sie gut, daß ich lächeln mußte,
und dann lachte sie auch, ein leises, dunkles Lachen. Bisweilen
sto<.kte sie; dann schien über irgendetwas ein dunkler Schleier
zu liegen. Und ich half mit ein paar leichten Worten weiter.
Aber was das Seltsamste war: Ich saß vor diesem jungen
Mädchen, das erst achtzehn Jahre aft war, wie ein Knabe, der
sich an einem schönen Bilde freut, ohne Begehren. Und das
machte mich froh.
Beim Abschied sagte sie zu mir: "Ich möchte Sie gern einmal
allein spielen hören!"
Im ersten Augenbli<.k war ich verwundert.
empfand sie gar nicht, was sie fragte.

Aber vielleicht

"Ich hole Sie morgen ab. In meinem Zimmer ist ein schöner,
großer Sessel. Da setzen Sie sich hinein, und ich werde Ihnen
vorspielen, was Sie sich wünschen."
Sie stand mit gesenkten Augen vor mir und wußte nichts
zu sagen. Da ging ich leise.
Oft begreife ich heute selbst nicht mehr, wie damals alles
kam. Es schien wie grenzenloses Vertrauen und Unschuld.
Hannelore saß in dem großen Sessel und ich stand am Fenster
und spielte. Und dann legte im die Geige fort und ging zu
dem Mädchen in dem schwarzen Samtkleid und küßte es. Ein
Zittern lief durm ihren Körper; aber ganz ruhig blieb sie sitzen.
Als im sie frei gab, sah ich ihre Augen feucht schimmern.
"Hannelore", sagte ich . etwas schuldbewußt und beklommen.
Sie erwiderte nichts, aber es schien, als ob ihre Lippen warteten.
Seit jenem Tage wußte ich, daß ich das Mädchen begehrte.
Nimt aus Sinnenlust, aus Freude an einem Geschenk, das
mir auch Andere gaben, sondern aus der Sehnsumt nam einer
Kostbarkeit, nam der Lösung eines Rätsels, das mir dieser

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junge Körper bot. An einem Abend - wir hatten ein Ka:
barett besucht, Wein getrunken u.nd getanzt sagte ich
zu ihr:
"Komm, ich spiele dir allein ein Lied. Komm fort von den
fremden Menschen."
Ich machte kein Licht in meinem Zimmer. Meine Hände
zitterten , als ich die Geige nahm, aber dann ließ ich mein
ganzes Verlangen aus den Saiten klingen, so wild, wie ich
seitdem nicht mehr gespielt habe. Mitten im Spiel bram ich
ab. Es war ganz still im Zimmer.
Und dann, nam einer langen Weile, ein zitterndes: "Komm!"
Da nahm im Hannelore auf die Arme und trug sie in das
Nebenzimmer. So trunken war ich, daß ich nicht achtete,
wohin ich sie küßte. Sie aber wehrte sim leise:
"Nidlt so. Ich komme von selbst. Aber das Eine mußt
du mir versprechen: Laß mim allein gehen. Wache nicht auf.
Es solf nicht Morgen werden ... "
In der Nacht richtete ich mich auf; im hörte die Tür gehen.
Hannelore war fort. Aber das alles war wie in einem Märmen,
und im schlief wieder ein, wunschlos, traumlos. Am Morgen
lag auf meinem Tism ein kleiner Brief.
"Du darfst mir nimt böse sein. Deine Lieder, deine Küsse
und alles Liebe, was dann noch kam, das gabst mir nicht du,
sondern in meinen Gedanken ein Anderer, den ich längst ver.
loren habe. Aber alles Schöne, was er mir gegeben hat, wollte
im noch einmal erleben, und im danke dir, daß ith's durch
dich konnte . birne nicht, daß im so dreist war, es zu ver#
langen, und daß im mit meinem Herzen und meinen Gedanken
in keiner Minute bei dir war. Frage nicht nach mir!"
Manfred schwieg. Der Andere, der ganz in sich zusammen.
gesunken war, fragte:
"Und was war dann?"
"Es ist Hannefores letzte Namt gewesen. Es sind Jahre
vergangen, aber im weiß nun, daß man einem verlorenen Menschen
in Gedanken das geben kann, was man in Wirklichkeit einem
Anderen gibt. Was mir die kleine Hannelore schrieb, durfte
ich se it jener Zeit vielen Frauen schreiben. Was ist dir?"
fragte er plötzlich, nam dem Arm des Freundes greifend.
Der hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen:
"Auch Angele war erst achtzehn Jahre .. . "
        
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