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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jan'II· 26

"Siehst du " , sagte Bob, "das ist das Quälende in mir :
Seit Jahren weiß ich nichts mehr von Angele. Nie mehr kam
eine Zeile von ihr in meine Hand. Und eigentlich wollte ich
es ja so. Aber nun kamen die Zweifel. Wie oft hatte A ngele
angedeutet, daß ich ihr Weibturn mißachte und schuld sei,
wie ihr Leben ohne mich
werde. Sie war jung, leiden~
schaft/ich, fand oft nicht den
Weg zwischen gut und böse.
SdlUld an einem Leben . . .
und von diesem Leben nichts
wissen. .. eine Schuld, die
man begangen haben kann,
nicht gutmachen können .. .
das ist eine Last, die uner~
träglich drückt."
"Du glaubst also an eine
Untreud", fragte der Freund.
"Kann man es Untreue
nennen? Es ist nimts zwi.
schen uns. Jeder geht seinem
eigenen Weg. Aber du, das
Gefühl, daß ein Anderer da
reiche Früchte erntet, wo
man selbst mit heiligem Ge.
fühl Knospen zum Blühen
brachte ... , wir sind doch
alle eitel und selbstbewußt."
"Es kann keiner gegen die
Natur. Was dein Eigentum
ist, hältst du in deiner Hand.
V on dem du aber die Hände
ziehst, darf das Eigentum
anderer werden."
Bob schaute mit düsterer Miene in die Bäume vor der
Veranda. "Wie mag das sein im Weibe", sagte er sinnend,
"wenn es zum zweiten, dritten Male Gaben verschenkt, die
es schon einmal als Höchstes verschenkt hat?"
Manfred, der junge Geiger, erwiderte versonnen : "Das weiß
wohl niemand. Vielleicht erlebt die Frau . alles nur einmal.

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Vielleich, ist jeder Mann, der in das Leben einer Frau tritt,
in ihrer Empfindung immer nur der Erste, den sie geliebt hat."
"Glaubst du das?"
"Ich weiß es. Und dieses Wissen zählt zu meinen schönsten
Erinnerungen. Es sind Jahre darüber vergangen, so daß ich
heute wohl davon sprechen
d;uf.
Während meiner Konzerte
in A . . .. lernte ich ein junges
Mädchen kennen, zufällig, wie
sich das bei solchen Veran#
staltungen immer ergibt. Ich
hatte sie zweimal im Parkett
gesehen, und der eigenartig
schwärmerischeAusdruck ihrer
Augen interessierte mich.
Einmal sah ich sie, nicht weit
vom Konzerthaus, auf der
Straße vor mir gehen, und
sprach sie an. Ich glaubte
in ihr eins der vielen Mädchen
zu finden, die nicht wissen,
ob sie für mich oder für mein
Spiel begeistert sind, und
deren Bekanntschaft so gut
geeignet ist, den Aufenthalt
in fremden Städten mit ein
paar angenehmen Stunden zu
bereichern. Überrascht schaute
sie mich an. Und ich glaubte,
in ihren Augen ein freudiges
Erschre&en wahrzunehmen.
Aber sie war still und scheu.
So gingen wir recht einsilbig
nebeneinander, obwohl ich durch allerlei Fragen versuchte', näheres
von diesem Mädchen zu erfahren, das mich in ganz seltsamer
Weise anzog. Aber schließlich dachte ich, daß man die Zeit
doch noch anders ausnutzen kann als durch stille Promenaden
mit schüchternen Mädchen. Umso überraschter war ich, als
sie vor ihrer Wohnung leise fragte:
        
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