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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jurg.26

Nr.5

Ein 'Finanzgenie
Von Horatio
In der Kümtlerkneipe von Mdenz war e~, wo am runden Tisch
ddS Gespräch den gdnzen Abend munter von Thema zu Thema
gehüpft war, um zum Schluß sich auf dem der Geldentwertung,
der Preissteigerung und des neuen Reichtums auszuruhen. DM ist
. nun mal heutzutage nicht anders.
Als eine kleine Pause im Gespräch eintrat, nahm der alte
Sanitäbrat, der gelegentlich umem Krei,. aufmcht, das Wort. "la",
meinte er, lIes ist eine kuriose Zeit, aber für jüngere Leute von
ein wenig Witz und nicht allzugroßer Bedenklichkeit auf finan~
riellem Gebiete nicht aunichtslm. Während so mancher meiner
Clienten arg verarmt ist, sind doch dndere erstdunlich in die Höhe
gekommen; und \0 sdh ich kürzlich im - wie es sich nachher
herausstellte - eigenen Auto eine noch immer bildhübsche Dame,
die mir vor langer Zeit durch ihre Findnztechnik nicht zu knapp
imponiert hatte." Der dlte Herr stärkte sich durch einen kräftigen
Zug gut geratenen Kindlbräubockes und fuhr dann fort:
"Es wird so vor etwa 10 Jahren gewesen sein, als zur Nachmittagsstunde ein überaus artiges und nettes Persönchen mein
Sprechzimmer betrat. Sie war blutjung und vereinigte brünetten
Habitus mit drahlend blduen Augen; mdn merkte gleich, ddß sie
kein Freund von Traurigkeit und sich ihres Eindrucks auf Männer
wohl bewußt war. WdS ihr eigentlich fehlte, weiß ich nicht mehr;
jedenfalh Wdr es eine Bdgatelle, doch zog sie die Behandlung hin
und fiel es mir auf daß sie häufiger zu mir kam, dls es ärztlich
erforderlich war. ,:Ndtürlich alles in Ehren ", setzte er hinzu, dls
er unser freundliches Grinsen bemerkte.
"Viel1eicht kommt sie so oft, sagte ich mir, weil sie im gleichen
HauseChambre gamie wohnt und täglich an deiner Tür vorbeikommt.
Aber schließlich ist dUch die eingehendste Behandlung mal zu
Ende und die Trennungutunde schloigt, deren Schmerz erfahrung,.gemoiß durch die Honorarfrdge noch erhöht wird.
Da war ich denn im höchsten Maße überrascht, dis sie mich bat,
die Liquidation möglichst hoch zu gestalten. Das Wdr mir noch
nie passiert; und dieses kleine PersOnchen, das in irgend einem
Geschäft in Stellung war. s.m mir am dllerwenigden danach dUS,
als ob es in einem Paktolus plätscherte.
So fragte ich denn nach dem: ,Wdrum 7 dieser Bitte. "Ja",
meinte sie, "Er' bezahlt doch die Reamung."
"Na, wenn schon; davon haben Sie doch nichts, wenn ,Er' ein
10 hohes Honordr zu begleichen hdt." "Doch", dntwortete sie mir
und ein echtes nnd rechtes Spitzbubenlächeln huschte über ihr
Gesichtchen, "es sind jd ihrer Zweie. Schreiben Sie nur 'ne recht
tuchtige Zdhl; wenn die Beiden dUch drüber schimpfen - - Ihnen
schdd't es nicht und mir ist damit geholfen."
An dieses kleine Findnzgenie wurde ich vor ein paar Tagen
erinnert, dls ich alte Krdnkeqjoumdle nach,.ehen mußte und dabei
.lUf ihren Namen stieß.
Wie es so der Zufall will: gestern Ndchmittdg, dIs ich duf dem
KurFürstendamm bummle, um dem Gro'htadtleben den Puls zu
fühlen, fährt vor Rumpelmayer ein l('hr gediegenes Auto vor und
ihm entsteigt in tadelloser Aufmachung meine frühere Patientin.
Sie wollte ihre Nachmittagschokoldde trinken, erkennt mich sofort
und frdgt mich, wie mir's geht. "Vielleicht nicht gdnz so gut wie
Ihnen", meine ich mit Hinblid: auf das Auto.
"Ach jd, mir gehts gut; ich bin verheiratet und mein Mann
erfüllt dlle meine Wünsche; wenigstens die pekuniären."
"Ist es einer von den Zweien ddmals?"
"Nein;. dam waren wir alle drei zu helle' bei so'ner ernsten
Sache, wie die Ehe ist, da heillt el erst wäge~, ddnn wdgen; und
Sie sehen jd. den Wagen habe ich."
Dann ging sie zu Rumpelmayer hinein; ich aber hdbe 10 meine
Geddnken, daß die neue Zeit für kecke und listige N.Jturen, wie
meine Pdtientin eine Wdr, ein ganz gutes Sprungbrett ist."

Galante Promenade

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