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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

,]al1'11.26

Nr.5

Die schöne, junge Frau Edda weinte bitterlich. Sie hatte sich tief
in die Edte des rasenden Autos gedrüdtt, und der fahle Limtsmein
der Laternen, das trübe Grau des dämmernden Wintermorgens

war - denn - das? Ein entzückendes Prickeln lief über ihre ganze
Haut. Nein, zu beschreiben war der Mann nicht, der dort saß, sie
mit leichtem Lächeln unverwandt musternd. Er war durch und

besserten ihre trostlose Stimmung keineswegs. Das bloße
Händchen redtte sich aus dem
Chinchillamantel und wischte
am Fenster. Ja, sie mußte
glelm zu Hause sein.
. Da hielt das Auto bereits.
Ach so, er sollte ja schon an
der Edte halten.
Mit einem tiefen Seufzer
huschte sie heraus, entlohnte
den Chauffeur und schlich leise
zurHaustiir. Natürlim knirschte
das Schloß.
Nur rasch hinauf, bevor - .
Na, richtig! Wenn man einmal im Pech drin ist, - kaum
war sie die halbe Treppe
hinaufgehuscht, da stedtte die
Portieralte den Hexenkopf durms
Schiebefenster und brummte.
»Ich bin's, Emma«, flüsterte
Frau Edda schnell, bevor die
Alte näher kontrollierte. Sie
hörte noch was von ,. Herrschaft sagen«, dann fiel die
Flurtür hiner ihr zu. Endlich
in ihrem kosigen Schlafzimmer,
einem Nest aus weicher gelber
Seide, Kristall und Spitzen,
'
atmete sie erleichtert auf. In
eiliger Hast s~relfie sie den kostbaren Pelzmantel ab, das hauchzarte Kleid,· die Spinnwebwäsche, hatte sie nicht gestern Abend zum Scherz ihr Hemdchen durch den
Trauring gezogen? Nein, bloß nichts denken! Wütend stampfte sie
mit den schwarzseidenen Beinchen auf der unschuldigen W äsche umher, dicke Tränen kullerten über ihre Wangen und wurden trotz
allen Kummers mit der Zungenspitze auf ihre Echtheit geprüft, wie
es so eine von Frau Eddas kokett-niedlichen Angewohnheiten war.
Dann hüpfte sie in den Pyjama und Ins Bett. Und nun zog alles
in fürchterlicher, unerbittlicher, greulicher und - süßer Klarheit an

durch Rasse. Etwas Herrisches
tag in dem glattrasierten Gesicht, etwas Raubtierhaftes in
den mandeIförmigen, dunklen
Augen.
Sie saß wie ein
Schmetterling am Spieß, aber
es tat nicht weh. In den
Pausen blieb sie sitzen, jedesmai voll Angst, ob er auch
wiederkäme. Und als Butterfly
ihr Schwanenlied
gesungen
hatte, da warteten sie das
Harakiri nicht mehr ab, sondern ohne ein \Vort der Vereinbarung legte er Frau Edda
den Mantel um die zarten
Schultern und führte sie langsam, wie selbstverständlich
hinunter. Und sie genoß. Sie
war nicht allzu leichtsinnig,
aber sie war jung und gewöhnt ,
daß
ihre kleinen
Eskapaden alle zum Besten
ausschlugen. Sie war auch Zli
geschmackvoll, um mit den üb.
lichen Widerreden zu kommen,
den Entgegnungen, die jede
»anständige« Frau für notwendig hält, und die nie ernst
gemeint sind. Sie war Dame
in ihrem Benehmen, das genügte. Und Graf Strehly, wie
er sich ihr genannt hatte, wußte den Unterschied zwischen Dame und
Dämchen wohl zu erkennen. Erst im Auto küßte er lange ihre schmale
Hand, die mit den erlesensten Ringen geschmüdtt war. Er blickte auf
die Samur von gleichmäßigen rosa Perlen, die zu atmen schienen, wie
die za rte Haut, auf der sie in drei Reihen so weich gebettet lagen.
Er wagte sogar eine beifällige Bemerkung. »Ja, mein Mann ver=
wöhnt mich sehr«, flüsterte Edda, ein wenig rot werdend. Ach so,
da erschien ja zum ersten Male der Herr Gemahl. Komism, sie
hatten beide nicht an ihn gedamt. Graf Strehly riet auf einen
didten Bankier, der sia, dies reizende, rassige Frauchen gekauft hatte.
Vermutlich war er jetzt grade verreist. - Und er riet nicht sehr
daneben .

ihr noch einmal vorüber.
Sie saß in der Loge, und man spielte die Butterfly. Sie war
innerlich losgelöst und leicht erregt, wie immer bei Puccini's Musik.
Sie sah auch kaum auf, als die Logentür leise aufging. Erst nach
einem WeHchen fühlte sie, daß ein Blick auf ihren nackten Schultern
ruhte. Fast gegen ihren Willen wendete sie den Kopf. Ja, - was -

4

Als sie in dem vornehmen kleinen Restaurant saßen, taute Frau
Edda ganz auf; das Spiel ihrer verträumten Augen, die sich
immerzu veränderten, die Biegsamkeit des wundervollen Körpers,
        
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