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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923






Nr. 1                                                                                                                        Jahrg. 26

Blitzableiter

Von Otto M. Michaelis

Im Sommer, beim Rennen, da lernt' ich sie kennen, sie war eine liebliche Fee. Sie hieß Madeleine, war eine Mondaine, denn tief saß ihr Brustdekolté. Sie trug feine Schuhe, drinn tronten in Ruhe die Füßchen, umsponnen mit Flor, trotzdem das Kleid kurz war, entschieden zu kurz gar, sah doch nichts vom Dessouchen hervor.
Die Strümpfchen, die grauen, die konnte man schauen bis weit übers Knie, hoch hinaus. Da dacht' ich voll Freude an Wäsche aus Seide, und schwelgte schon förmlich im Rausch.
Die Kleine war niedlich, pikant, appetitlich, und war in Stimmung, ganz toll. Als ich sie was fragte, und sie nie nicht 'Nein' sagte, war das Herz zum Zerspringen mir voll. Da führt' ich das Kleinchen zu einem Glas Weinchen, und freut' mich schon mächtig auf's Ziel. - Doch als ich soweit war, allein mit der Maid war, da wurde ich plötzlich ganz kühl! denn, denkt euch, ihr Leute, auf das ich mich freute, das war nicht, denn das, was ich fand, das macht' garnicht froufrou, denn das war kein Dessou, das war 'ne Reformhose mit Gummiband!

Über die Ehe.

Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar; doch bei näherer Betrachtung nimmt man ein'ge Kosten wahr. Und je mehr die Lieb tut wachsen, desto enger wird der Raum, desto mehr des Geldes braucht man, o, man glaubt es anfangs kaum.
*
Wer sich das Weib der Mitgift wegen wählt, der sei fortan von ew'gem Gift gequält, denn Gift ist Gift - in welcher Form's auch sei, und solche Ehe ist - Giftmischerei.

Merkspruch.

Wollt Ihr vermeiden Schicksalstücke, so übet Vorsicht wenn Ihr liebt - es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo es im Augenblicke Menschen gibt! 

Aphorismen.

Liebe ist nicht an Raum und Zeit, nicht an Konfession und Nationalität gebunden und - Gott sei Dank! - auch nicht an die Zahl.
*
Entweder ein schlechter Frauenkenner oder ein großer Ironiker hat das Wort vom "schwachen Geschlecht" aufgebracht, denn stark ist das Décolleté der Frauen, stark ihre Schnürung, stark ihr Wünschen und Begehren, stark ihre Leidenschaft und Liebe, ja so stark oft, daß ihnen selbst der stärkste Mann nicht mal gewachsen ist.

Von sinnlicher Liebe zu sprechen, ist Pleonasmus, Wortverschwendung - doch gar von übersinnlicher zu reden, ist contradictio in adjecto, Widerspruch in sich.
*
Ehe man Ehemann sein kann, muß man Mann geworden sein!


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