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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

Jahrg.26

Nr. 4

Das Ballett der Anita Mintara
Eil1~ vut~ufP{l"

G"scnicnt" von G"no

"Weißt du, daß in dcm Kabarett, das Noah in seiner Arche
zur Vertreibung der Langeweile eingerichtet hatte, schon dasselbe gcboten wurde, was wir heute über uns ergehen lassen
müssen?" sagte der junge Dichter Frank Hiller zu seinem
Freunde, dem Doktor Grigi, und wandte sich gelangweilt von
den ewig glcichcn Sprüngcn einer sogenannten Tänzerin ab.
Das Publikum - gutsituierte Bourgeoisie mit cinem Schuß
Halbwelt applaudierte pflichtgemäß. Der Conferencicr
kündete den Clou des Abends an: "Ich bitte um Ihre sehr ge-

L"alld'"r-Ofjfiscfjfa"(J~r

Den Brief gab er einem kleinen Boy. "Können Sie das heute
noch besorgen?" "Da kommt Fräulein Mintara gerade". Frank
konnte beobachten, wie der Boy ihr den Brief zusteckte. Sie
trat in eine Ecke, riß den Umschlag schnell auf und überflog
den Inhalt mit eincm Lächeln, das alles und nichts bedeuten
·konnte. Doktor Grigi hatte es auch bemerkt und amüsierte
sich. Dic Tänzerin ging vor ihnen hinaus. An der Tür erwartete sie ein älterer, mit gewollter Eleganz gekleideter Herr.
Es war jener Typ des lebemännischen Kunstmäzens, sehr cingebildct auf scine gekaufte Liebe, sehr eifersüchtig und sehr
gönnerhaft. "Wieder ciner!" sagte Anita lachend und zeigte
ihm den .Bri~f. "Du kennst i1~n
fragte er etwas beunruhigt
und gab Ihn Ihr zuruck. "Ncln, antwortete sie leichthin und
zerriß den Brief in kleine Stückehen. Kurz vor Frank und
Grigi flatterten sie auf die Straße.
. "Armer Frank", sagte der Doktor und sang leise mit ctwäs
Mitleid und ein ganz klein wenig Spott: "La donna e mobile."

t

*
Um so erstaunter war Frank, als er zwei Tage darauf
folgenden Brief erhielt:
"Werter Herr Hiller! Ihr Brief hat mir viel Freude
gemacht und besonders, daß wir uns auf gleichem Gebiet
begegnet sind. Wenn Sie Lust haben, nehmen Sie morgen
nach Tisch den schwarzen Kaffee bei mir ein.
l hre Anita Mintara,

schiitzte Aufmerksamkeit für die Schöpfungen unserer gefci erten An i ta M i n t ara. Geradc in der heutigen Zeit
ist es ja besonders wohltuend, einem denkenden Geist in der
T anzkunst zu hegegnen". Der Scheinwerfer sandte ein ma(f isches Blau auf dic Tanzfläche. Durch den Vorhang huschten
~ier schlanke sch leierumflattcrte Elfen und schlangen in anmutigcm Sichsuehcn und Sichfinden cincn zierlichen, lustigen
Reigen. Dann wirhelte die Königin zwischen sic.. Was die
jüngeren Mädchenkörper versprachen, das hatte bei ihr die
Natur schon zu voller Blüte entwickelt. Der ebenmäßige,
graziöse Körper trug einen reizenden, durchgeistigten Kopf
mit kurzem, schwarzem Gelock. Frank schloß die Augen ein
wenig und glaubte in einem Märchenwald zu sein. Alles
Schwerc hatte er vergessen. Gestalten aus seinen Dichtungen
schienen lebendig geworden zu sein. Seine schönheitsdurstigen
Augen tranken sich satt an den duftigen Gebilden der Trau.mwelt. Da war es zu Ende. Jäh riß ih n das grausame weiße
Licht, in dessen Schein sich das Ballett mit dankenden Knixen
zurückzog, in die Wirklichkeit zurück. "Eine schöne Fraul"
sagte Doktor Grigi, der auch wie aus einem Traum erwachte.
"Eine begabte Frau! Wie sie mit reicher Phantasic den Triumph
der Schönheit ersann! Ich möchte sie kennen lernen."
"Das ist doch leicht. Schreib ihr doch nach der Vorstellung."
Meinst du, daß sie mir antwortet?"
"Und wenn nicht
"
Da wurde der Raum wieder dunkel. Der Scheinwerfer goß
grünes Licht auf die ~ühne und im. Ta~t eine~ schwerblütig~n
orientalischen Melodie tanzten die vier Madchen auf die
Bühne. Es war ein seltsamer Rhythmus, dem 'ihre Glieder gehorchten' es klang wie Leidcnschaft und Schmerz, wie V crlangen u~d Bußc, wie. Hin.~abe ~nd Keuschheit. Nun knieten
sie nieder, schlugen die Hande Im Nacken zusammen und berührten mit der Stirne den Boden. Da trat ·die Herrin untcr
sic im strengen Gcwand, dic Priestcrin einer unbekannten
Göttin. Sie richtete die Knieenden auf und diente mit ihnen
dcr erhabcnen Schönheit in feierlichem Spiel. Wieder versank
die Welt um Frank dank dcn harmonischen Schöpfungen der
genialen Frau, wieder empfand er schmerzli~h die Rückkehr in
die Wirklichkeit. Er folgte dem Rat seines Frundes und
schricb ihr kurz:
"Sehr geehrtcs, gnädiges F:äulein!
.
Unsere Seele rettete sich mit wem gen . Getreu~n lD das
Land der Phantasie, dem auch die anmubg~n Se~opfu n!.!en
Ihrer Kunst angehören. Darf man die Sch?pferm kenne.n
lernen? Ich bin Schriftsteller und wurde mich freuen, mIt
Ihnen eine Stunde, die Sie bestimmen mögen, verplaudern
zu dürfen. Ergebenst
Ihr Frank Hiller,
Blumenstraße 28"

22

Maistraße 17."
Voll Spannung ging er hin. Sie empfing ihn sehr liebenswürdig, und da er merkte, daß sie ein lustiges, heiteres
Menschenkind sei, erzählte er ihr, daß cr das Schicksal seines
Briefes mit angesehen hätte.
Das war doch nur eine Kriegslist, weil ,Er' so eifersüchtig
ist:', erklärte sie lachend. "Ich habe eine kleine überraschung
für Sie ' vielleicht entschädigt Sie das für die Enttäuschung,
die Si~ erleben mußten!" Sie verschwand für kurze Zeit.
Dann öffnete sich der Vorhang zum Nebenzimmer, ein wilder
Marsch ertönte auf einem versteckten Grammophon und vier
kleine rote Teufel, geführt vo~ eine~. großen. Hexenmeister,
schwirrten durch den Raum. Sie vollfuhrten einen ausgelassenen Höllentanz . Frank war ganz hin. "Das war die Generalprobe fÜT einen neuen Tanz, den wir morge~ kretren werden",
sagte Anita, freudig, einmal einen so begeisterten Zuschauer
        
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