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Full text: Berliner Leben Issue 26.1923

J anrll.26

,Vr. +

Pon Ericn:Maria Rt'marqut'

Sinnlos ist das Leben und voll Trug, Darling.
Wir sind ein wenig zu helläugig, als daß uns die Massen=Narkotika:
Pflicht, Kulturfortsmritt, Religion und Philosophie genügen könnten,
wir sind etwas zu
klarsichtig, um in den
üblimen Zirkel Essen
- Arbeiten - LiebenSmlafen unterfaumen
zu können: und wir
sind ein bißmen zu
krank, um trotzig und ·
verächtlich den Unsinn
hier wie eine Zirkus.
pantomime mitanzusehen und gelassen den
Aktsmluß dieser Komödie abzuwarten.
Glüddim der, der in
Frieden seinen Kohl
baut, nach Feierabe~d
sein Pfeifmen raumt,
den üblichen Dämmersmoppen trinkt und
bieder seine Karline
liebt. Doppelt glücklim der, der seine un6
an tastbaren Ideale hat,
ein Amt, das ihn nährt,
und die Amtung sein.er
Mitmenschen.
Aber
dreifam selig der, dem
eine Frau dieWe!t bedeutet - im sage: Eine
Frau, nimt: Die Frau,
in der er all seiner
Wünsche Stillung findet,
die mit ihm
"sonnen selig eins"wird,
- verzeih ' den ironismen Mundwinkel an die er glaubt. Gott
erhalte dem Narren
seinen Glauben!
Im übrigen ist es ;a
aum gleim, wie man
betrogen wird I denn
betrogen wird man
dom immer. Ob man
an eine Frau glaubt oder an sim allein, ob Schopenhauer oder
Weihraum, ob Epikur oder der Gleichmut der Stoa: Alles ist
frommer Betrug.
Wir aber, wir Helläugigen und leimt Angekrankten, die wir nimt
mehr naivunbefangen genug sind, um die Rätsel und das Labyrinth des
Irrgartens Leben zu übersehen und nimt trotzig und konsequent genug, um ihnen nachzugehen, wir können dieses Abgrundgefühl, dieses
Kratzertanzgefühl dennom nicht mehr missen, wenn wir es aum nicht
vergessen oder ihm folgen wollen.
Wir genießen dieses Wissen um die Fragwürdigkeit des Daseins
wie einen prickelnden Rausm, wir durmnerven mit ihm den etwas

dumpfen Wein unserer Gesmlechtlichkeit und lockern ihn auf zu
moussierendem Champagner.
Wie ungewisse Nebel in der Herhstnacht hängen wir in der Brutalität des Daseins,
wissen nicht, woher,
wohin - ein Wind am
Abend, eine Wolke am
Himmel haben mehr
Beremtigung als wir
über hundert Jahre
ist alles gleich, ob wir
so gelebt haben oder
anders. - Ob Buddha
oder Whisky, Gebet
oder Fluch.
Asket
oder
Lüstling,
eines Tages schaufelt
man uns doch alle
zu - , was man aum
zu seinem Gott gemacht hat: Seinen Bauch
oder das Unnennbare,
weiße Weiberhaut oder
Opium, alles ist
sich gleich. Sinnlos ist das Leben
und voll T rug, Dar~
ling - und der einzige
Sinn liegt in diesem
funkelnden Wein diesem blauen Raum deinen noch blaueren
Augen - und deinem
seidenen Mädchenleib.
Im habe bewußt alle
meine
Wunschpfeile
und meine Erkenntnisnöte, all das, was durch
Jahrtausende schwang
und nun dunkel auch
mich durchbebt, in dich
hinein projiziert, im
habe mein Leben keilförmig .auf dich zugespitzt, ich habe mir
die Welt in dir personifiziert.
Deine glatte Haut
war mir dasselbe, was einem andern Familie und Heimat ist, deine
grünen Sphinxaugen waren mir das, was einem anderen Zarathustra, Zoroaster und die Veden sind, wer hätte im Opium,
Haschisch und Kokain soviel Traum gefunden, wie ich im Duft deines
Haares, und wem boten Hauts sauternes, blauer Malaga und
Creme de benedictine soviel ßirrendgold - purpurnen Rausch wie
mir dein in gelbe Valencienner Spitzen gewickeltes Luxusrasseweiberfleism!
Du warst mir Krone und Altar, Rätsel, Lockung, Kind, Mutter,
Heilige, Dirne und Göttin - denn ich wollte es so. - Du warst
mir Leben und Tod in eins, Welträtsel und Rätselwcft, ein une nd-

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