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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Verehrter Freund! 
Ich suchte und suchte und 
marterte mein Hirn und fand 
einen Weg. Um Mitternacht 
sollen Sie ihn noch wissen, 
ehe es zu spät ist. — Sie haben 
irgendwo ein Familiengut, 
Name und Gegend vergaß ich. 
Sie sprachen nie davon, mein 
guter Toter erwähnte es nur 
gelegentlich. Es sei verlumpt 
und zerfallen, Haus und Feld, 
hörte ich damals. Sie hätten 
es aus traurigen Familien- 
erinnerungen gehaßt und ge 
mieden, — dort ist der Weg, 
1 h r Weq, Doktor, dort be 
ginnen Sie Ihren Weg. Sie 
sind selbst Landwirt, wenigstens 
theoretischer, also greifen Sie 
zu. Der deutsche Mutterboden, 
die gute, treue Ackererde, ist 
da$ einzige Mittel, an dem 
Deutschland genesen kann. 
Alle Schande, die jefjt das 
Vaterland drückt, kommt vom Hunger, vom Mangel an Brot. Den 
Krieg verloren wir an zu wenigem, an zu schlechtem, an zu teuerem 
Brot, und die Teuerung, die jetjt das Land drückt, die Unzu 
friedene schafft, die Betrüger, Lügner, Diebe, Wucherer schafft, die 
Gier nach Besitz schafft, entsteht aus Mangel an Brot. Wenn die 
Heimat ihre Kinder ausreichend und gut und billig nähren könnte, 
wäre das große Elend dahin. Wehe dem Deutschen, der ein 
Stück Land hat und es verkümmern läßt; dreimal wehe dem 
Deutschen, der sein S ück heiligen Mutterlandes verläßt und ver 
schachert! Gehen Sie auf Ihren Hof, bauen Sie ihn wieder auf, 
bauen Sie Brot und Sie bauen ein 
Stück am deutschen Vaterland. Das 
i't der Weg. — Und nun zum lebten 
Gruß diesen Buschen Kornblumen. 
Als mein guter Toter auf letjtem 
Urlaub war, schenkte er mir einen 
Blumenstock, Kornblumen barg dies 
kleine Häuflein deutscher Erde. Dies 
Jahr zum ersten Male blühten diese 
Stengel, just zum Todestage meines 
Mannes, da er im lahre 18 bei 
Soissons fiel. Ich brach heute diese 
Blumen für Sie. Es ist das Heiligste, 
was ich Ihnen geben kann. 
Ihre Elisabeth von Ayler. 
* 
Es schlug ein Uhr. Es schlug zwei 
Uhr. — Noch immer saß Dr. Winter 
auf seinem Sessel, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Haupt 
in die Hände gelegt und blickte auf Brief und Blumen. — Endlich 
erhob er sich. Er warf schnell einige Zeilen auf ein Blatt Papier: 
Liebwerte, edle Frau Elisabeth! 
Ihre Kornblumen will ich heilig halten, solange ich atme. 
Auf der Fahrt nach Hamburg will ich mein Familiengut noch 
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Dieserlächelte: »Sie meinen 
wohl die Ruine?« 
»Ruine?« 
»Na ja, anders kann man 
wohl den alten, verfallenen 
Kasten kaum bezeichnen. — 
Na, in zwanzig Minuten sind 
Sie dort. Viel Freud werden 
Sie nicht haben; das heißt, der 
Park ist sehr schön.« 
»So, wem gehört denn das 
Schloß?« 
»Ja, das weiß eigentlich 
niemand so recht. Manche 
sagen, einem gewissen Winter 
in Bei lin, aber andere meinen, 
der sei auch schon gestorben. 
Jedenfalls hat sich niemand 
von den Bessern in den lebten 
Jahrzehnten hier sehen lassen. 
Die Schlüssel hat der Ge 
meindevorsteher, und der be 
richtet wohl auch manchmal 
einen Berliner Justizrat, der die Geschichte verwaltet.« 
»Und die Felder?« 
»Die liegen fast alle brach. Es ist eine Sünd’ und Schand’, 
wo heutzutag jeder fußbreit Boden gebraucht wird. Ein paar 
von den Äckern haben sich die kleinen Leut im Dorfe eigen 
mächtig argeeignet und bebaut mit Kartoffeln und Buchweizen, 
und kein Mensch hat sie daran gehindert.« 
»Da taten die Leute ganz recht! — Ich danke Ihnen.« 
Dr. Winter schritt die wiesen 
gesäumte Landstraße dahin. Der 
Frühherbst hatte in den Bäumen 
am Hang und in Busch und Hag 
ein Leuchten angezündet, als wolle 
er dem scheidenden Sommer ein 
festlich Geleit geben. Eine unend 
lich wohlig laue, volle Luft ent 
strömte Wiese und Acker. Gerhardt 
blieb stehen und sog mit vollen 
Lungen die frische Luft ein. Dabei 
ward ihm so wohl zu Mute, so stark 
und doch so eigen. Er reckte und 
streckte die Arme und ein Kraft 
gefühl durchstiömte ihn, wie er es 
nie gekannt in all den lebten Jahren. 
— De Schloßpark nahm ihn auf. 
Kein Tor hinderte seinen Eintritt, 
der Lattenzaun war nur noch ein 
Skelett. Die Ortsarmen mochten sein Holz für ihre Öfen geholt 
haben. — Und nun stand er auf dem öden Gutshof. Gras über 
wucherte den Boden, Gestrüpp, ja Gebüsch hatte sich in behag 
licher Ruhe eines Vierteliahrhunderts breitgemacht, Bäume waren 
entstanden, wo früher Hofflur war, die Türen zu Scheunen und 
Ställen waren zerfallen oder fehlten ganz, die Fensterscheiben 
waren zerbrochen und in den dunklen Höhlen waren Spinnenweben 
Tort Setzung auf Seite 22. 
Erhältlich in aßen einschlägigen Geschäften, 
wo nicht vorhanden, weisen Bezugsquellen nach. 
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und müde sagte er: »Sie wissen keinen, Frau Elisabeth! Nun 
leben Sie wohl, herzlich wohl!« 
Er drückte ihre beiden Hände und sah ihr in die gütigen, 
klaren Augen. — Sie sah ihm nach und an der Tür trafen sich 
ihre Blicke noch einmal. — — — Abschied! 
Noch spät am gleichen 
Abend packte Dr. Winter mit 
Franz, seinem Diener, die 
Koffer. Da läutete es an der 
Türglocke und ein Dienstmann 
trat ein. »Ich komme im Auf 
träge der Frau Rittmeister 
von Ayler und soll dieses 
Päckchen abgeben « 
Dr Winter gab dem Boten 
einen Geldschein, und als er 
allein war, öffnete er das 
Päckchen. Ein Strauß frischer, 
schöner, blauer Kornblumen 
fiel ihm entgegen, dann ein 
Brief. Er las: 
einmal aufsuchfrt. Das ist alles, was ich tun kann. Ihr immer 
getreuer Geihardt Winter. 
Zwei Tage später stieg an der kleinen Station an der Elbe 
Dr. Winter aus. Er trat an den Bahnvorstehei: »Sagen Sie, seit 
wann hat nun sdion Hohen- 
Pinoff Bahn?« 
»Nun, das sind heuer 
22 Jahre gewesen.« 
»So, 22 Jahre?« 
Dr. Winter strich sich über 
die Stirn. Als er das letzte 
Mal hier war, mußte man bis 
zur nächsten Station zwei 
Stunden mit dem Jagdwagen 
fahren. Also weit mehr als 
22 Jahre, ja, mehr als ein 
Vierteljahrhundert hat'eerdie 
Fleimatscholle gemieden. 
»Wie weit ist es bis zum 
Schloß?« fragte er weiter den 
Buhubeamten.
        
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