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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

E in Zettel mit der Handschrift meiner Wirtin lag 
auf meinem Schreibtisch: 
»Köhnte ich die vierzig Mark kriegen, die ich noch 
zu kriegen habe, sonst mist ich kindigen.« 
»Hm!« 
Als ob ich nicht wüßte, daß es ergebnislos ist, 
schaue ich in meine Brieftasche (Wachstuch, Kriegs 
weihnachtsspende 1917). Freundlich grienen mir 
noch zwei zerknitterte Einmarkscheine entgegen. 
Welcher ist denn heute? — Der vierzehnte. 
»Donnerwetter, am sechsundzwanzigsten gibt’s 
erst wieder was.« — Ich rechne aus, daß ich jeden 
Tag zirka fünfzehn Pfennige ausgeben kann, um bis 
dahin zu langen. Das sind zwei Ersatjzigaretten. 
Davon werde ich aber nicht satt. 
Es hat aber auch keinen Zweck, nii^e oder un- 
nü^e Erwägungen anzustellen. 
Wie heißt es doch gleich: Leben ist Arbeit. Ich 
lebe sozusagen. Also werde ich arbeiten. 
Her mit einer Idee. Aber wo hernehmen und 
nicht stehlen? Darum auf ins Kaffeehaus. 
Bohnenkaffee: Mark 1,50 (von wegen der Be 
schwingungen des Geistes). Eine englische Zigarette: 
fünfzig Pfennig. Macht zwei Mark. Es ist wie ein 
Wink des Schicksals. Vielleicht si£t sogar ein pump 
freudiger Zunftgenosse da.— Nein — aber dort drüben 
hat Lizzi ihre windspielschlanken Glieder hingegossen. 
Hol’ sie der . . . Ich setje mich. Dort hinten trinken 
ein paar Herren Wein. Die Gläser 
klingen fein, trostlos, spöttisch. 
Wenn ich nur wüßte, wie ich 
das nachmachen könnte! Die 
Weintrinker machen mich wild. 
Das sind sicher Schie . . ., nein, 
Donnerwetter, der Direktor Mer 
tens von der Ikafilmgesellschaft! 
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Richtig, der hat ja noch ein Filmmanuskript von mir. 
Requiescat in pace. — Könnte man den anpumpen? 
Wenn man nun ganz frech anfinge . . .? 
Nein, dann kommt morgen früh ein einge 
schriebener Brief mit »inliegendem Manuskript«. 
Also höflich. Ich wag’s. 
»N’ Abend, Herr Mertens!« 
»N' Abend, Herr . . .« 
Ich helfe ihm auf meinen Namen. 
»Das sind Sie?« 
Er faßt midi beim Rockzipfel. Seine Stimme duftet 
angenehm nach Hattenheimer Oberberg. 
»Mensch, Sie sind ja ein toller Kerl!« 
»Ach, Sie meinen das Filmstück von mir . . .?« 
»Natürlich, Kerldien, das nehme ich, das ist pracht 
voll . . • Und dann stürmen wir damit die deutschen 
Kinos . . .« 
Die elektrischen Birnen tanzen den Totentanz von 
Saint-Saens. »Sie wollen es wirklich . . .?« 
»Ja doch.« 
»Das ist ja wunderbar, Herr Mertens« (je^t fasse 
ich ihn aber am Rockzipfel). ». . . Übrigens — hören 
Sie mal, Herr Mertens ... ich bin — durch — durch — 
durch Krankheit in der prekärsten Lage, die man 
sich denken kann . . .« 
Er entführt seinen Rockzipfel meinen Händen. »Also, 
Sie braudien Geld? Wenn’s weiter nichts ist.« (Der 
Mann singt tatsächlich besser als Caruso.) Er zückt 
seine Brieftasche. »Hier!—Wieviel? — Drei — vier — 
fünf—langt’s? (Freundliche, blaue Lappen!) Schicken 
Sie mir morgen die Quittung!« 
Ich stolpere über Tischbeine, sitje —. »Tag, Lizzi!... 
Ober, Weinkarte!« (Lissi himmelt mich mit saphir 
blauen Augen an, verblüfft und erfreut über die, ach, 
so überraschende Begegnung ...) So ein Filmgesell 
schaftsdirektor ist doch eine wunderbare Erfindung. 
Morgen soll er gleich seine Quittung bekommen. Ich 
habe mir für derartige Fälle hochgeschmackvolle 
Büttenkuverts aufgehoben — Friedensware. Und jetjt 
schreibe ich überdies noch einen Sensationsfilm — 
nein, sechs Sensationsfilme! — Nanu, es zieht doch 
recht . . . Ach so — »Ober, ja — zahlen!« 
So eine Dummheit. Am hellichten 
Abend im Cafe einzuschlafen ... 
Also ein Bohnenkaffee —eine eng 
lische Zigarette: bitte. Rest 0,0. 
»N’Abend!« Die Straße ist naß, es 
regnet. Mich fröstelt... Wie kann 
man auch so verrückt von einem 
Filmgesellschaftsdirektorträumen!
        
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