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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Die ungleichen Schwestern. 
Wollen wir das Lamm fein hüten ? 
weiten, schwarzen oder auch farbigen, flachen Kappe hervorguckt, 
tiägt der weibliche Zauberer den charakteristischen hohen, spieen 
Hut und das weite Cewand init kabalistischen, geheimnisvollen 
Abzeichen, die den Bewunderer keinen Augenblick darüber im 
Zweifel lassen,daß ihreTrägerin nur: »Hokus, Pokus, Schnikolus« 
zu sagen hat, um alle Männerherzen zu verzaubern. Pierretten 
und Columbinen pflegen ihre Gesichter nicht mehr über und 
über weiß zu pudern, es genügen die charakteristische Halskrause 
aus schwarzem oder weißem Tüll, das leichte Gazekleid und 
der steife Rock der Balletteuse, um die leichten Dinger schnell 
als solche zu erkennen. 
Die vielfarbigen Kostümbälle bieten natürlich die besten Mög 
lichkeiten, um jedem Geschmack gerecht zu werden, und hier 
sind es immer wieder und wieder Herr und Frau Harlekin, die 
für ihre kleidsamen Kostüme viele Stimmen einsammeln. Harle 
kin braucht keineswegs eine Persönlichkeit zu sein, die notge 
drungen das fest an den Körper anliegende, regelmäßig gestreifte 
Kostüm zur Schau trägt. Man hat ja nur dem Ursprung des 
Harlekins nachzugehen, um festzustellen, daß der italienische 
Harlekin des 16. lahrhunderts ein Kostüm trug, das aus einem mit 
kurzen Schößen versehenen Rock und einem ziemlich anliegenden 
Beinkleid bestand, einem Beinkleid, das bis zu den Knöcheln 
hinabging und mit verschiedenartig geformten Stoffstücken aller 
Farben besetzt war. Erst im 18. Jahrhundert regelte der Schau 
spieler Dominique Kostüm und Charakter des Harlekins, aber die 
Besucher unserer Kostümfeste kehren zu der primitiven Phantasie 
7<iostümbä.tCe, 
Es war im schönen Karneval 
Wo, wie auch sonst und überall, 
Der Mensch mit ungemeiner List 
Zu scheinen sucht, was er nicht ist. 
Dem Kuno scheint zu diesem Feste 
Ein ritterlich Gewand das beste. 
Schön Suschen aber schwebt dahin 
Als holdnaive Schäferin. 
D as Schäferinkostüm ist für Maskenbälle nämlich besonders beliebt, weil es auf 
ihnen so unendlich viele Schafe gibt, die, gleich dem Ritter Kuno, vom Suschen 
mit dem hohen, buntbebänderten Schäferinstab in die Enge getrieben werden! 
Über das Kostüm, das man im Winter zum Maskenball anziehen wird, pflegte man 
schon im Sommer am Meeresstrande eifrigen Beratungen obzuliegen. Für das von den 
Eingeborenen auf Haiti Getragene scheint man sich diesmal weniger begeistern zu 
wollen, weil das völlige „Deshabille“ am Strande schon zum normalen, oft gesehenen 
Schaustück wurde, Audi die historischen und geographisdien Kostüme, mit denen die 
Träger Stile und Provinzen herauf beschwören wollen, sind weniger beliebt, dagegen 
begeistert sich alle Welt für die von einer einzelnen, von zwei oder auch mehreren 
Farben beherrschten Feste. 
Vor allen Dingen heißt es, sich entscheiden: Wollen wir blau, grün, gelb, orange 
oder rot als Grundfarbe? Sobald diese gewählt ist, sudit jeder das für ihn kleidsamste 
und malerischste Kostüm. So läßt sich für jede Farbe eine Blume finden, was nidit 
etwa heißen soll, daß das Kostüm eine Blume nadiahmen muß. Es lassen sich auf sogar 
ganz modernen Kleidern breite Blumenmotive in dem einmal gewählten Farbton sticken, 
während man die Blumenform nur in einigen Teilen des Kostüms, wie an Ärmeln, 
dem Kopfschmuck, manchmal auch am Rock und der Taille anbringt. 
Für solche Bälle sind das Pierrotkostüm oder das eines charmanten weiblichen 
Zauberers sehr geeignet. Wenn das völlig weiß gepuderte Haar dort unter einer
        
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