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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Von K a r f DICeitner-fiecAert. 
I ovise verreiste, Heribert hatte Unannehmlichkeiten, das Atelier ver- 
I ior seine beste Kundin, — — alles wegen des Maulwurf-Chin- 
, chilla-Jacketts! 
* Die Anfänge des Maulwurf-Chinchilla-Dramas reidien bis 
zu jenem Modesdiautee zurück, bei dem Frau Lovise bei den Klängen 
des neuesten Lip-tolip-Tanzes ein einfach herrliches Maulwurf-Chin- 
chilla-Jackett entdeckte. Die Einzigkeit und Herrlichkeit dieses Pelz* 
prachtexemplares stellte Frau Lovise in der sicheren Weise fest, daß 
sie ihr brillantenbesetztes Platinlorgnon von links nach rechts und dann 
von rechts nach links über die Gesichter ihrer Freundinnen gleiten 
ließ. Jenes neidvolle ,Ah!' war auf den Gesichtern zu lesen, das ein 
Frauenantlitz ziert, wenn etwas besonders Schönes unerschwinglich 
teuer ist. Bitte : Rumpf und Ärmel von dunkelstem Maulwurf, Fichus, 
Armbesatz und Taschenaufschlag von silbrigstem Chinchilla. Innen 
handgemaltes Brokatfutter. Ein Edelstück! Und dann: sah der Manne* 
quin nicht trotz der Maulwurf-Chinchiila-Hülle aus wie Fischbein und 
Haselstrauchgerte? Frau Lovise sah ihre etwas reichlich geratene 
Rubensfigur schon zur Botticellilinie sich formen 
Frau Lovise autelte ins Atelier, probierte und kaufte. Kaufte 
unter Garantie des auf Tod und Leben schwörenden Atelierinhabers, 
daß das Maulwurf-Chinchilla-Jackett Modellstüek und einzig sei und 
nicht als kopiert zum Verkaufe gelangen werde. Darauf gab Frau 
Lovise sehr viel. Was sie trug, sollte exklusiv getragen werden, 
keiner neben ihr sollte im Städtchen es tragen. Ex-klu-siv!! 
Vierzehn Tage nach dem Maulwurf-Chinchilla-Jackettkauf war 
Pferderennen, t Ieribert, l.ovisens Gatte, konnte nicht mit. Er mußte 
verreisen. Geschäftlich. Schade! Er hätte mit seiner Frau, mindestens 
mit dem Maulwurf-Chinchilla-Jackett, das Lovise erstmalig anhatte, 
brillieren können. So brillierte Frau Lovise allein. Bis zu dem Augen* 
blick, in dem juliette, die Diva des Theaters, auftauchte. Nein ! Frau 
Lovise traute Lorgnon und Augen nicht! Diese Juliette führte ihr, 
Frau JLovisens, Maulwurf*Chinchilla*Jackett spazieren. Und wie ! Mit 
Grazie und Schick! Juliette übertraf Frau Lovise an Gestalt und 
Schönheit, sie übertraf sie sogar 
weit in diesen Punkten. Jetzt 
kam sie vorbei. . . . Kein Zwei* 
fei! Rumpf und Ärmel Maul* 
wurf, Kragen und Besatz Chin 
chilla. Sogar das handgemalte 
Brokatfutter guckte kokett in 
einem um geschlagenen Eckchen 
vor. So eine Frechheit! 
Da kamen schon die guten 
Freundinnen zu Frau Lovise 
und sagten : »Maulwurf-phin- 
chilla sei gewiß apart und ori 
ginell, aber was jeder trage . . .« 
und sie unterstrichen das ,jeder' 
mit kräftigsterBetonung. Freun 
dinnen können ekelhaft liebens 
würdig sein ! 
Frau Lovise bekam trotz 
des gewiß warmhaltendenMaulr 
wurf--Chinchilla*Jacketts einen 
Schüttelfrost. Sie ließ das Tik- 
ket des eingeläuteten Rennens 
am Totalisator verfallen, und — 
röff-töff! — mit Benzinmeist- 
* verbrauch nach Hause. 
Im Boudoir flog der Maulwurf-Chinchilla-Qberwurf unverdienter 
weise in den dunkelsten Winkel. Das beruhigte poch nicht. Erst 
die von Frau Lovisens nervöser Hand zu Boden geschleuderte, kost 
bare Kristallschale temperierte durch Splitterexplosion das erhitzte Blut. 
Der erste ruhige Schritt führte ans Telephon. Das Telephon stand 
als Tischapparat auf dem Schreibtisch im Herrenzimmer. 
Rrrrrr ! — Keine Verbindung! Rrrrrr! —- Keine Verbindung! 
Rrrrrr? — »Wie? — Was? Keine Verbindung weil Sonntag ge 
schlossen ? Danke!« Rrrrrr! Auf dem Schreibtisch im Herren 
zimmer lag die Post. Weil Heribert verreist war, lag sie noch un 
geöffnet da. Sonst war Heribert sehr ordnungsliebend, und er ließ 
nie auf seinem Schreibtisch Post herumliegen. 
Frau Lovise kramte in den Briefen. Bank, Börse, Bank, Börse — 
was so ein Bankier für langweilige Post bekommt! Dazwischen 
ein *Die langschnabelige Papierschere, die ein Unglück ahnte, 
sträubte sich so gut sie konnte, was nützte es ? Ritz, -— aus dem 
Kuvertschlitz krodi ein Parfümwölkchen hervor. Eau de Flor. Erst 
klassiges Duftwasser. Derselbe Duft, der Juliette und den Maulwurf- 
Chinchilla-Pelz auf der Rennbahn umgeben hatte. 
Der Brief war kurz : 
Verschwender! 
So ein kostbarer Maulwurf-Chinchilla-Qberwurf! Bin ich 
den wert? Antwort mündlich nach dem Rennen im ,Adler'! 
Dann kam die unlesbare Unterschrift. 
Programmäßig hätte Frau Lovise ihre Mama durchs Telephon 
herbeiholen sollen. Das war Sitte im Hause: wenn Hilfe gegen 
Heribert gebraucht wurde, zitierte Frau Lovise, wie Faust den Me 
phistopheles, ihre Mama. Aber diesmal nahm Frau Lovise statt 
des Telephonbuches das Adreßbuch. Adler, . . . Weißer Adler, . . . 
Roter Adler, . .. Deutscher Adler, . . . Doppeladler, . . . Adolf 
Adler,. . . Anna Adler, . . . Moritz Adler, Egal, und wenn 
die ganze Stadt besucht werden muß. — »Chauffeur, zum Adler!« 
Das Suchen war erst vergeblich. 
Dann kam der Sieg, ln der 
Garderobe des,Goldenen Adler' 
prunkte das Maulwurf-Chin- 
chilla-Jackett. Durch den Tür 
spalt spähend sah Frau Lovise 
Juliette, die Diva des Theaters. 
Bei Sekt. Und nicht allein. 
Frau Lovise verreiste. Heri 
bert bekam Unannehmlichkeiten. 
Das Mautwurf-Chinchilla-Jak» 
kett-erhielt das Atelier zurück, 
wegen Bruchs der eingegangenen 
Verpflichtungen, ln begreifli 
chem Zorn über den Verlust 
einer der besten Kundinnen 
schnauzte der Atelierinhaber 
den schuldigen Verkäufer an. 
»Was? Weil Herr Heribert 
persönlich den zweiten Pelz be 
stellte, haben Sie kopieren 
lassen und den Geschäftseid 
verletzt. ... Was?« 
»Ich dachte«, stotterte der 
Verkäufer, »ich dachte, der 
Gatte gehört sozusagen zu der 
Familie. ...... «
        
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