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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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IN FLAGRANTI 
Skizze von Jona Maurer. 
D ie Zobelkoffs hatten eine einzige Tochter. Sie war 
weder schön noch häßlich und hieß Sonja. Als sie 
geboren wurde, lebten ihre Eltern in Riga. Beide waren 
Deutsche. Nur die Groß» 
eitern väterlicherseits waren 
Russen. 
Elias Zobelkoff hatte 
mit einer Alteisenhandlung 
ein Haus erstanden, das 
allerdings schon sehr bau» 
fällig war. Kurzentschlos» 
sen ließ er die Baracke 
niederlegen und ein großes, 
modernes Familienhaus 
bauen. In einer Ecke des 
alten Gartens wurde ein 
schmuckloser Backsteinbau 
errichtet, in dem wertvolle 
Waren standen und das 
Bureau lag. Dahinter in 
einer Grube lagen verro» 
stete Eisenteile aller mög» 
liehen Maschinen aufge» 
stapelt. Ein kleiner Stal! 
mit Remise für Pferd und 
Wagen war angebaut 
worden. 
Vor dem Kriege ging, 
trotz der Geschäftstüchtig» 
keit des Inhabers, der Ei» 
senhandel miserabel. Wäh» 
rend des Krieges wurde 
Zobelkoff ein begüterter 
Mann. 
Zobelkoffs bewohnten in ihrem Hause eine geräumige 
Etage. Wand an Wand mit ihnen hauste in einer gut» 
ausgestatteten Dreizimmerwohnung Archibald Noster, ein 
Junggeselle, der außerhalb der 
Stadt eine kleine chemische Fa» 
brik betrieb. 
Der Zufall fügte es, daß Ar» 
chibald an seinen Wirt ein An» 
liegen hatte. Gelegentlich dieses 
Besuches lernte er die Familie 
kennen. Sonja war sofort 
Feuer und Flamme für den 
Nachbar. Er wurde oft ein» 
geladen und fühlte sich ganz 
wohl dort. 
Nach den Entbehrungen der 
Kriegsjahre schätzte er das geruhsame Familienleben 
doppelt. Außerdem war die famose Küche der Haus» 
frau ein besonderer Anziehungspunkt. 
Madame Zobelkoff brachte trotz karger Zufuhr immer 
einige Ledcerbissen auf, denn sie hatte mit mütterlidiem 
Instinkt herausgefunden, daß sich zwischen den jungen 
Leuten etwas anspann. 
Beinahe hätte Archibald 
das gewichtigte Wort ge» 
sprachen und iim Sonja 
angehalten. Ehe er sidt 
jedoch dazu entschlossen, 
führte ihm das Schicksal 
Ruth Baldus in den Weg. 
Auf einem Ball der Che» 
miker hatte er sie kennen» 
gelernt. Ihr Vater war 
Professor der Chemie an 
der Universität. Ihr ent» 
zückendes Wesen zog ihn 
seltsam an. Sie war so 
ganz anders, als die etwas 
aufdringliche, von sich selbst 
eingenommene Sonja. 
Er begann sich von Zo» 
belkoffs zurückzuziehen. 
Sonja konstatierte seine 
Abwesenheit mit stiller 
Entrüstung. Sie lauerte 
ihm auf, wo sie konnte, 
erreichte damit aber das 
Gegenteil ihrer Absicht, 
denn Archibald stellte den 
Verkehr im Zobelkoff» 
sehen Hause nun ganz ein. 
Seine Verlobungskarte 
klärte die Familie endlich 
über sein verändertes Benehmen auf. Seit dieser Zeit 
waren die Parteien spinnefeind. 
Nach ein paar Monaten führte er seine junge Frau 
in sein Heim. Da er jedoch 
oft tagelang geschäftlich zu ver 
reisen gezwungen war und seine 
Frau allein bleiben mußte, rich 
tete er es ein, daß sie stets 
während seiner Abwesenheit zu 
den Eltern zog. Nicht mit Un 
recht befürchtete der Ehemann, 
daß die rachsüchtig veranlagten, 
gekränkten Zobelkoffs versuchen 
würden, seine Frau zu ärgern. 
Als sie ein Jahr verheiratet 
waren, wurde sein Schwieger 
vater nach München berufen. Ruth blieb allein in Berlin 
und schloß sich auf ihres Mannes Rat von der Außenwelt 
ab. Nur mit ihren Freundinnen blieb sie im Verkehr. 
Erhältlich in allen einschlägigen Geschäften, 
wo nicht vorhanden, weisen Bezugsquellen nach.
        
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