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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Die lüelt oon der Kehrseite 
~w, 
eiß Gott, was gelehrte 
Anthropologen und Seelen 
forscher alles schon für das 
sicherste Charakteristikum des 
Menschen aus gegeben haben: 
das Auge, den Mund, die 
Hand, die Nase, den Gang — 
so ziemlich alle menschlichen 
Gliedmaßen und Bewegungen 
sind da bemüht worden. Wa= 
rum mußte es eigentlich erst 
unserm lieben Freunde Boris 
auffallen, daß eine der min= 
destens völkerpsychologisch 
schärfsten Charakteristika des 
Menschen — seine Kehrseite ist? 
Man sehe dieses englische 
Paar, wie es Boris hier gezeich^ 
net hat: kaum eine leise Kon^ 
tur des Gesichts ist zu sehen. Und doch wird 
jeder sofort raten: Engländer. Diese selbstsichere 
Brutalität der Bewegung, die eckige Dauerhaftigkeit 
Tbeobadjtet uom Xeicfoner Jboris. 
der Kleidungsstücke, der abso= 
lute Mangel an Grazie, ver= 
bunden mit einer Zwecke und 
Zielsicherheit des Gestus — 
so was wächst nur in Albion. 
Leider — oder vielleicht gottlob? 
Kann jemand im Zweifel 
sein, daß dies andere Paar aus 
Frankreich, also aus Paris ist? 
Hier ward alles aufs Graziöse 
abgestimmt, und zwar mit voller, 
allerdings von striktesten na= 
türlichen Gaben gestützter Ab= 
sichtlichkeit. Koketterie beim 
Hütchen des Herrn wie bei den 
Schühchen der Dame — alles 
deutliche Symbole einer ästhe« 
tisdh=spielerischen, ach so benei 
denswerten Lebensauffassung, 
wie sie dem Gallier nun einmal von einem mun« 
teren Gotte in guter Stunde beschert war. Sieht 
dieses Pärchen — wer könnte es Paar nennen? ~ 
nicht aus, als ge= 
denke es die näch= 
sten 25 Jahre von 
nichts anderem als 
von der Liebe zu 
sprechen? 
O, ihr Benei= 
denswerten! 
Noch beneidens 
werter als die 
beiden Münchener 
hier? Kaum. Die 
plagen, das merkt 
man hundertSchritt 
hinter ihnen, keiner 
lei Skrupel und 
Zweifel. Vor allem: 
Ihre Kleidung ist 
ihnen wurschtegal.
        
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