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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jahrg. 25 
Seine Theorie 
Von Erwin Sedding 
„Ich werde Ihnen etwas erzählen, liebe Freundin, was eigent 
lich nicht für weibliche Ohren bestimmt ist und nur ent 
schuldigt werden kann, weil Sic mir Ihrerseits Offenheit be 
wiesen haben. Es ist ein kurzer Satz, der meine ganze Da- 
scinsphilosophic enthält. Er lautet: das Leben läßt sieh nur 
aus der Entfernung genießen. Verstehen Sic, was damit ge 
sagt sein soll? Ich meine: hören Sie außer der eventuellen 
Taktlosigkeit Ihnen gegenüber den Sinn des Ausspruchs 
heraus?“ 
Lisa warf die halbgcrauchte Manoli in die Messingschale und 
zuckte nervös mit den runden Schultern: „Sie müssen schon 
deutlicher werden, Herr Redakteur, denn ich gestehe, daß 
ich mir noch nicht darüber klar bin, wo Sie hinauswollen. 
Denn daß diese pathetische Einleitung kein beabsichtigtes Ziel 
hat, glaub' ich auf keinen Fall.“ 
„Wie Sie befehlen. Gnädigste. Nur sehen Sie mich bitte 
nicht so böse an: ich will, sobald es Sie langweilt, aufhören. 
— Was den Genuß der Entfernung anbelangt, so meinte ich 
Folgendes: Jede Erscheinung, auch die ursprünglichste der 
nackten Natur, wirkt in gewissem Grade anziehend, solange 
zwischen uns und dem betreffenden Objekt eine Distanz be 
steht und das anfangs vorhandene Interesse wird prozen 
tual mit der Verringerung dieses ebengenannten Abstandes 
reduziert. Büßt nicht jede Farbe, durch eine Lupe betrachtet, 
ihren Reiz ein, verliert nicht jeder Ton an seelischem Schmelz, 
wenn unsere Ohren die unvermeidlichen Nebengeräusche 
seiner Entstehung miterfahren? Sind nicht aus diesem Grunde 
die blanken Himmelskörper so magisch-neu, weil unsere Auf 
dringlichkeit ihr unverbindliches Licht w'eder zerlegen, noch 
belästigen kann? — Ich bin der ernsten l ’eberzeugung, daß 
unser moderner Großstadtkrebs, die Blasiertheit, nur die 
Folge solch einer törichten Glücksvorrichtung bedeutet und 
von jedem behoben werden kann, der die Energie zum „reser 
vierten" Genuß aufbringt.“ 
„Sie sprechen sehr geläufig, Herr Redakteur. Fast könnte 
man annehmen, die Worte stammten aus einer literarischen 
Arbeit, — Ihrer Feder selbstverständlich. Apropos: die Flaupt- 
sache verschweigen Sie?" 
„Durchaus nicht. Ich bin gerade so weit und wollte eben 
hinzufügen, daß die Frau in dieser Hinsicht keine Ausnahme 
bildet.“ — Er hielt innc, um die Wirkung seiner letzten Worte 
zu beobachten. Aber Lisa ließ sich nicht das Geringste an 
merken. Nur ihr Lackschuh begann ein regelmäßiges Auf- 
und Abwippen, was bei leidenschaftlichen Frauen ein sicheres 
Zeichen von innerer Spannung ist. Dann fragte sie leichthin: 
„Befolgen Sie diese Lebensregel persönlich?“ 
Ein kurzer, prüfender Blick. So liegen Katzen auf der Lauer, 
dachte er und erwiderte dann mit festerStimmc: „Versteht sich! 
Nur diesem Umstand verdanke ich die Fähigkeit, mich mit 
meinen vierzig Jahren noch aufrichtig begeistern zu können. 
1 rotz meines Berufs“, fügte er hinzu. 
„Merkwürdiger Mensch“, lachte Lisa plötzlich auf. „Was 
linden Sie z. B. hierbei auszusetzen?" und sie streckte ihren 
schlanken Fuß unter dem Kleid hervor, dessen zierlichen 
K,nöchel ein Scidenflor umspannte. „Nun?“ klang es weiter. 
„Sie lieben wohl keine Seide, weil Sie so ein entsetztes Ge 
sicht machen? Da —“ mit einer Handbewegung hatte sie 
den Strumpf herabgestreift und hielt ihm den nackten, feinen 
Fuß hin. 
Wie betäubt durch diese Wendung war er aufgesprungen. 
Dann stürzte er vor ihr nieder und bedeckte das herrliche 
Weiß mit. hastigen Küssen. „Lisa“, keuchte er, „Lisa! Wie 
lange schon hab’ ich auf dieses Glück gewartet! Aber gib mir 
mehr! Alles will ich besitzen, was schön an dir ist. Hüllenlos 
will ich dich!“ 
„So“, lächelte sie spöttisch. „Hüllenlos sogar? Also Aus 
nahmen gibt es auch bei dieser „reservierten“ Genußkultur? 
Ei, ei!“ und als seine heißen Hände nach ihren Knien griffen, 
sagte sie in verändertem Ton: „Jetzt schleunigst zur Wand ge 
dreht, Herr Philosoph! Ich muß mich wieder zurechtmachen.“ 
Was blieb ihm übrig, als zu gehorchen. Besiegt war er doch 
und dazu von einer Frau, die c r besiegen wollte. Nach wenigen 
Sekunden reichte ihm Lisa zum Abschied die kleine, weiche 
Hand und sagte die vielversprechenden Worte: „Vielleicht 
können wir uns in diesem Punkte einigen. Ich gebe Ihnen 
etwas Nähe und Sie mir die Mittel zur reservierten Lebensart.“ 
Das Experiment hatte sie doch etwas angegriffen, obgleich der 
Erfolg sicher war. 
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, sog er gierig 
den zurückgebliebenen Heliotropduft ein und rief: „Ich Affe, 
ich selten großer Affe!!!“ 
Medaillen und Kehrseiten 
Von Geno Leander 
Vom Grafen Kohinoor 
I 
Der neue Page stellt sich vor 
dem alten Grafen Kohinoor. 
Der blähte seine Nüstern 
sehr lüstern. 
Der hübsche Page, schlank gebaut, 
den alten Grafen bald durchschaut, 
entriß ihm die Perücke 
voll Tücke. 
Der Graf dacht’: „Wenn der Page 
nun plaudert! Die Blamage!“ 
Erstach ihn mit dem Degen 
von wegen. . . . 
Zum Glück für alle Braven 
gibt 's solche schlimmen Grafen 
wohl nur in den Gedichten? 
Mit nickten !!! 
II 
Am Morgen las Graf Kohinoor 
der Gräfin aus dem Gotha vor 
und sprach, man müsse die Proleten 
zer — tre — ten ! 
Am Abend fuhr er in die Stadt 
zu jenem Proletariat 
und küßte einer Dielenfee 
Zeh auf Zeh! 
Der Gent 
Die Augen hinter dem Hornglas versteckt, 
die Wangen mit zartem Puder bedeckt, 
Gesicht halb Lausbub, halb Kanaille, 
den Sakko streng modern auf Taille, 
das Haar mit Brillantine festgeklebt, 
voll Stolz, daß eine Falte spricht: .Verlebt!“ 
Und überzeugt, daß Dummheit Glück bedeute — 
Jugend von heute! 
Reue 
Warum hast du auch den heißen 
Atem auf mich wehen lassen? 
Warum hast du mich die weißen, 
vollen Schultern sehen lassen? 
Warum ließt du mich die herben, 
keuschen Brüste ahnen? 
Ach, nun steh ich vor der Scherben 
eitlem, stummem Mahnen 
Die neue Richtung 
Es war in Andacht im Separee 
Bubi vor Mausi versunken. 
Da kommt ihm plötzlich die Glanzidee: 
„Du scheinst mir ein wenig betrunken. 
Von Zeichnen hast du wohl auch keinen Dunst. 
Bist nackt und verstehst zu gleißen. 
Sei Göttin mir drum einer neuen Kunst! 
Ich werd’ sie Bubismus heißen!“
        
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