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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jahrq. 25 
Nr. 17 
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Von PaufricharJ Hensef 
l)r. Mertens schaute etwas verblüfft auf die kleine Karte, 
die bei der heutigen Post lag. 
„Lieber Freund! Wenn Du mich auch ganz vergessen zu 
haben scheinst, muß ich doch heute Deine Erinnerung ein 
wenig wachrufen Ich habe Dich etwas Dringendes zu fra 
gen und hoffe, daß Du mir nicht ausweichst. Ich erwarte 
Dich um acht I hr im Trocadero. Deine Alice.“ — 
Wer mag das nur sein, dachte er. Alice . . ., doch ja. er 
hatte einmal eine gekannt, ein fesches, blondes Mädel. Rasch 
schlug er in seinem Kalender nach. Anna. Agathe, Alice — 
richtig, da hatte er sie gefunden. „4. März. Alice kennen 
gelernt. Nachmittags Bardinett. Will wiederkommen. Aus 
sichten.“ „6. März. Abends mit Alice im Kabarett gewesen; 
fabelhaftes Weib; kommt morgen." „7 März. Nachts mit 
Alice “ Plötzlich dachte Mertens nach. Das war im 
März gewesen, jetzt schrieb man Oktober. 
Aber das war ja eine schöne Geschichte, wenn es der Alice 
einfallcn sollte, Ansprüche zu stellen. Er hatte sie nach drei, 
vier Wochen nicht mehr wiedergeschen, wußte auch, daß ihn 
kein Erstlingsstolz belasten konnte; er erinnerte sich sogar 
genau, daß sie einmal beim Wein über den Begriff der l reue 
gelacht hatte ... 
Und nun stand es deutlich und klar auf dem mattblauen 
Karton. „Ich habe Dich etwas Dringendes zu fragen.“ 
Dr. Mertens hatte immerhin mit soviel Erfolg seine Studien 
beendet, um zu wissen, daß ein Protest nutzlos war. Seine 
Adresse wußte sie; energisch war sie auch. Was sie wollte, 
setzte sie durch. 
Resigniert, hoffnungsarm trat der junge Rechtsanwalt am 
Abend in das elegante Weinlokal. Da hatte Alice ihn auch 
schon gesehen, winkte ihm und reichte ihm beide Hände. 
„Guten Abend, Alfred, bist du doch gekommen?" 
„Ja, ja, was blieb mir weiter übrig?“ 
Sie sah ihn schmollend an. 
„Du bist wenig höflich. Anstatt außer dir vor Freude zu 
sein, deine Alice wiederzusehen, machst du ein Gesicht, 
als ständest du vor der Pleite." 
„Ja, Kind, der Beruf geht schlecht. Ich komme frisch von 
der Arbeit. Aber gewiß freut es mich, dich zu sehen.“ 
Er schaute in das frische, muntere Gesicht seines Gegen 
über. Schade, dachte er, sie ist immer noch ein fesches 
Mädel; man sieht ihr gar nichts an; aber ich möchte sie doch 
zum Teufel wünschen. Als der Wein gekommen war, fing 
Alice von allen möglichen Dingen zu plaudern an, erzählte, 
daß sie jetzt an einer kleinen Bühne auftrete, und feuerwerkte 
mit ihren schwarzen Augen, daß Mertens ganz aus dem Kon 
zept kam. Wenn sie doch erst endlich mit der Hauptsache 
herauskäme, stöhnte er innerlich und rückte unruhig auf sei 
nem Sessel hin und her. 
„Du hattest doch eine Frage an mich, liebes Kind“, sagte er. 
„Hast du's so eilig?“ lachte sie. „Nachher, Bestelle noch 
etwas, ja?“ 
„Gern, aber warum warten? Wir sitzen doch hier so schön 
in unserer Ecke!" 
Daß er lieber am Neuen Tor säße, verschwieg er. 
Aber Alice war nicht zu erweichen. „Nur nicht so stür 
misch. Du wirst schon deine Ueberraschung erleben.“ 
Nach einer halben Stunde schlug Alice vor, in eine Tanzbar 
zu gehen. 
Meinetwegen, dachte Mertens; es kommt nun nicht mehr 
so genau darauf an. 
Und dann, als er beim Tanze das warme Blut des Mädchens 
durch die dünne Seide fühlte, vergaß er schließlich doch das 
Unheil, das über seinem Haupte schwebte. Nur an eins 
dachte er: Wie er dies Mädel mit dem lockenden Lachen und 
den abgrundtiefen Augen hatte vergessen können. Als er 
ihr in der Loge den Mantel um die Schultern legte, grub er 
seine Zähne rasch in das weiße Fleisch. 
Dann saßen sie in der Droschke, dicht nebeneinander. 
„Du wolltest noch wissen, was ich zu fragen habe?“ begann 
da Alice. 
Mertens war plötzlich wieder nüchtern. 
„Mach's kurz und schmerzlos“, sagte er. 
„Da legte sie ihre Lippen dicht an sein Ohr und sagte: 
„Ich wollte dich fragen, ob du gar keine Sehnsucht mehr 
nach mir gehabt hast!“ 
Am anderen Morgen mußte Dr. Mertens der kleinen Schau 
spielerin ein paar seidene Strümpfe versprechen. Sie kauften 
sie gemeinsam, und daß er das schwarze Tüllkleid auch gleich 
erstand, das ihr so gut gefiel, erbat sie nur, um einen Weg 
zu sparen. 
Er besuchte sie oft in ihrem entzückenden Zimmerchen, 
aber es fehlte hier und da etwas, und Mertens war nicht un 
dankbar. Nach zwei Monaten machte er einen IJebcrschlag 
über seine Finanzen und schrieb einen Abschiedsbrief an Alice. 
„Ich glaube, ein Kind wäre nicht so teuer geworden“, sagte 
er zu sich. „Kinder sind noch nicht so anspruchsvoll ... 
Nachmahd 
Albumsprüche 
Ich armer Junggeselle daheim, 
wie find' ich bei Pfeifchen und Grog den Reim 
auf dein berauschend duftig Haar, 
auf dein schelmisch funkelndes Augenpaar? 
Mädel, du mit dem lachenden Blick, 
Sehnsucht brachte dich mir zurück. 
Wir trafen uns damals im kleinen Lokal 
und tafelten froh bei leckerem Mahl. 
Ich vergaß — nur ein berückend Spiel — 
und glaubte mich doch schon nahe dem Ziel. 
O Liebling, warum so kalt wie Eis? — 
Die andern fragen, wie hoch der Preis. 
Wie sind die Tage so trübe, so bleich, 
die Nächte aber den Tagen gleich l 
Man sehnt sich zurück nach den Stunden der Lus 
des süßen Lohns sich im stillen bewußt. 
Was Prügel sind, weiß ein jeder, aber was die Liebe ist, hat 
noch keiner ergründet. Heim 
Eine Geliebte ist Milch, eine Braut Butter, eine Frau Käse. 
* 
Bei den meisten Frauen trügt der Schein und nur der — Ge 
burtsschein sagt die Wahrheit. 
* 
Lieb’ ist wie Wein, der in der Flasche blieb: 
Am Abend feurig, Morgens schal und trüb. 
Italienisch 
* 
Wo Liebe kommt ins Haus, 
Da zieht die Klugheit aus. Loga,, 
* 
Der Widerstand einer Frau ist nicht immer ein Beweis ihrer 
Tugend, sondern häufig nur ein Beweis ihrer — Erfahrung. 
Eine Frau ist erst dann mit ihrem Porträt zufrieden, wenn 
es so aussieht, wie sie aussehen möchte. 
Chr. V.
        
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