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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

-Jahrq. 25 
Nr. 17 
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Von Stepßan Morras 
jean Frangois de Gondy, der berühmte spätere Kardinal 
von Retz, erzählt in seinen Memoiren eine amüsante Episode, 
wie er einmal bei dichtem Nebel mit einigen Damen und 
dem bekannten Marschall de Turcnne, sowie einem Herzog 
de Damville. zwei Männern von unzweifelhaftem Mut, äuf 
ein Landgut fuhr. Die Wagen hielten plötzlich, die Diener 
und Lakaien erhoben ein großes Wehgeschrei: Leibhaftige 
Teufel kämen heran! Es stellte sich nachher heraus, daß es 
Augustinermönche waren — und doch war der tapfere 
Turenne bleich vor Entsetzen geworden und Damville hatte 
zu beten begonnen. Jeder Edelmann hätte es als unwürdig 
empfunden, Furcht vor dem Tode zu zeigen, aber — je über 
zeugter man war, daß man der 
einst vom Teufel geholt würde, 
desto mehr Angst verspürte 
man vor ihm und das Beispiel 
zeigt, daß die unerschrocken 
sten Männer damals vor Er 
scheinungen und Gespenstern 
zitterten. 
Nur Gondy, der an sich eine 
außergewöhnliche Persönlich 
keit war, hatte damals die Hal 
tung bewahrt — wie ihm über 
haupt Gespensterfurcht ein 
fremder Begriff war. L.'nd er 
hatte diesem Vorzug ein rei 
zendes Abenteuer zu verdan 
ken . 
Zu jener Zeit, mit welcher 
unsere kleine Erzählung be 
ginnt, suchte Gondy in großer 
Erregung seinen Freund Graf 
de Riviere auf, denselben, 
dessen Vater man damals schon 
nachrühmte, daß er der Vater 
des Dauphin, nachmals Louis 
des Vierzehnten, sei. 
Gondy warf seinen Hut auf 
einen Tisch und ging mit gro 
ßen Schritten im Zimmer auf 
und ab. 
„Ich bin wütend, Riviere!“ 
„Das sehe ich“, erwiderte 
jener lächelnd. 
„Aber Ihr lacht“, knurrte 
Gondy, „und ich versichere 
Euch, es ist mir nicht nach 
Lachen zumute!“ 
„Es scheint so“, gab Riviöre 
ohne weiteres zu, „und ich 
stelle Euch selbstverständlich 
mit Vergnügen meine Räume 
zur Verfügung, damit Ihr darin 
hcrumrasen könnt. Aber wenn Ihr müde seid, werdet Ihr 
mir vielleicht sagen, was Euch erregt.“ 
Gondy riß die Feder von seinem Hut, zerknüllte sie und 
warf sie zu Boden. 
„Diesen Monsieur Arnauld d’Andilly soll der Teufel holen!“ 
schrie er. 
„Das wäre ohne Zweifel ein guter Fang für ihn!" lachte der 
Graf. „Heiliger Gott, so ein frommer Mann. Der Herr ist 
Jansenist, so viel ich weiß." 
„Das ist richtig. Darum ist er aus der Sorbonne geflogen. 
Aber seine Schwester, die Dame Angelique Arnauld, hat ihn 
liebreich in Port-Royal aufgenommen, wo er ungestört sein 
Wesen treiben kann.“ 
„Gut. Und das fordert Euren Zorn heraus?“ 
„Versteht mich nicht falsch. Ihr kennt mich zu gut, um 
nicht zu wissen, daß es mir gleichgültig ist, ob er Jansenist 
oder sonst etwas ist. Ah, im Gegenteil, der Mann hat ohne 
Zweifel Geist, da er die Jesuiten bekämpft, aber — —!“ 
„Nun?“ * 
„Nun, ich sage ja, er mag treiben, was er will in religiösen 
Dingen. So wahr ich der Koadjutor des Erzbischofs werden 
wni, so gleichgültig ist mir das. Aber wenn er mir in anderen 
Angelegenneiten in die Quere kommt — es ist zum wahn 
sinnig werden! 
„Ventre-saint-gris! wie der große Heinrich sagte — was hat 
er gemacht?“ 
„Meiner Treu, genug, daß ich ihm dafür die Ohren ab- 
sehneiden könnte — Ihr kennt die Fürstin de Rohan- 
Guemene?" 
„Ah! — Ah! — ich verstehe“, sagte Riviere lächelnd. 
„Um so besser, wenn Ihr versteht. Nun, um es zu sagen, 
ich war bei der Fürstin so weit, als ich es nur eben wünschen 
konnte und gedachte in den nächsten Tagen die Früchte 
meines Sieges zu brechen — da erfahre ich heute —!“ 
„Was ist es?“ — „Daß meine schöne Anna ihre Wohnung 
an der Place-Royal mit einer solchen unmittelbar, Wand an 
Wand neben Port-Roal, jenem 
Jansenistennest, vertauscht und 
sich völlig dem mystischen Un 
sinn der verrückten Ge 
schwister Arnauld ergeben 
hat!“ 
„Nun, und —?“ 
„Und? Ihr fragt noch? Ist 
es nicht sonnenklar, daß sie 
einzig und allein von jenem 
sauberen Arnauld d’Andilly da 
zu bewogen wurde? Nicht zu 
reden davon, daß ich meinen 
Kopf verwette, daß dieser Herr 
durchaus nicht um die Seele 
der schönen Fürstin allein be 
sorgt ist!“ 
Es entstand eine kleine 
Pause, während welcher Gondy 
seinen Weg um das Zimmer 
fortsetzte und Rivifere nach 
denklich an die Decke starrte. 
Dann fragte dieser: 
„Aber was wollt Ihr machen? 
Ihr müßt Euch fügen — die 
Fürstin ist eben für Euch ver 
loren, aber gibt es nicht —“ 
„Wie? Was sagt Ihr da?“ 
schrie Gondy. „Verloren? Er 
geben? Tausend Donner, nichts 
davon, so wahr ich ein Edel 
mann bin! Ich werde ihm nach 
laufen, diesem Monsieur Ar 
nauld — in der Tat, er muß 
mir vor die Klinge —!“ 
Und Gondy packte seinen 
Hut und stürmte ebenso plötz 
lich hinaus, wie er gekommen 
war. Riviere sah ihm lächelnd 
nach. — 
Der streitsüchtige Priester 
kam nicht dazu, seine blut 
dürstigen Pläne in die Tat umzusetzen. Denn schon wenige 
Tage nach der eben geschilderten Unterredung bekam er in 
seiner Wohnung Besuch von — der Fürstin Anna de Rohan- 
Guemene in eigener Person. 
Aber die freudige Ueberraschung Gondys wandelte sich 
bald in ein tiefes Erschrecken, als er gewahr wurde, daß das 
schöne Antlitz der Fürstin Totenblässe überzog und daß die 
starr blickenden großen Augen jeden Glanz und jeden seeli 
schen Gehalt verloren hatten, 
„Großer Gott, Fürstin!“ rief er entsetzt und geleitete sie zu 
einem Diwan, „was ist geschehen?“ 
„Gondy“, brachte Anna mühsam hervor, „mir ist etwas 
furchtbares begegnet.“ 
„Sprecht, sprecht, was ist es?“ 
„ihr wißt, daß ich meine Wohnung vertauscht habe mit einer 
solchen neben Port-Royal?“ 
Gondy nickte nur. Der Grimm saß noch zu frisch in ihm. 
„Nun, drei Tage nach jenem Umzug, heute Nacht — wurde 
ich plötzlich durch ein unbestimmtes Angstgefühl geweckt. 
Ich schlug die Augen auf — und denkt Euch mein wahnsinni 
ges Entsetzen: an meinem Bett stand eine grauenvolle Ge 
stalt, der Teufel in eigener Person, schwarz, mit glühenden 
Augen, zwei Hörnern und schrecklichen Krallen an den Hän 
den, die er nach mir ausstreckte, als wollte er mich ergreifen
        
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