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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Jahrg. 25 
Nr. 17 
8 
c^Scrt-in ZlX «STc moLt La.cLanß'v\ 
E m p fo f> (e n von Roda Roda 
Die Pension Elfenstein ist sauber, nicht zu teuer, gut ge 
legen. Fahrstuhl, kalt und warm Wasser, Fernsprecher. — 
Ein Badezimmer? Ich weiß nicht. 
Seele, Odem, gewaltige Kraft des Herbergsunternehmens ist 
Madame Elfenstein, 
von Theobald Tiger (der mich besuchte) ‘Gewittergojte' ge 
nannt. Sie besteht aus einem uferlosen, feuchtwarmen, naß 
kalten Lächeln über Doppelkinnen — weiter unten ergießt sich 
der Busen t _ und es folgen 
vermutlich Füß, letztere je 
doch mit dunkeln, wallenden 
Draperien verhangen. — Ma 
dame Elfensteins Lächeln 
erstarrt jäh zu Energie, so 
bald Fragen des innern Pen- 
sionsbetriebcs auftauchen. — 
Madame Elfenstein ist für 
Profane kaum zu sprechen; 
sie speist von früh bis spät 
auf ihrem Zimmer. 
Der Herr 
ist ein dürres Männchen. 
Er steht zu Madame in ei 
nem familienrechtlich nicht 
faßbaren Verhältnis. Läuft 
immer mit dem Hammer 
umher, um Nägel einzu 
schlagen. Frißt in der Küche 
die Reste von Madames 
Mahl. Seine rechte Ba?ke 
ist andauernd geschwollen. 
Madame Elfenstein ist Links 
händerin. 
Die Tochter, 
elfundzwanzig, blonder denn 
ein Marder, bedient bei 
Tische. Eine niobische 
Blässe, die leblos und ehr- 
furchtsgebictend ihr Gemüt 
beschattet, läßt selbst in 
schlagflüssig - robusten Pen 
sionsgästen jeglichen Ge 
danken ersterben, sie beim 
Tischaufwarten hinten zu 
zwicken. Sie würde es auch 
gar nicht fühlen. 
Auch eine 
Hausdame 
ist da, hünenhaft, von bal 
tischem Adel. Es ist ihr „nich an der Wiege jesungen 
worden“ — wie sie scheu versichert, so oft sie dich mit 
Suppe überschüttet. 
Vielleicht nicht die wichtigste, sicherlich aber die auf 
fallendste Person ist 
Viktoria, das Stubenmädchen. 
karte gebeugt; eine blonde Weiblichkeit kitzelt ihn mit 
Friedenspalmen. 
Unter dem Gemälde fletscht das Piano seine gelben Zähne. 
Das Eßzimmer 
ist eine längliche Halle mit unendlich vielen Tisch’ und Stüh 
len; die Zahl der Stuhlbeine ist durch vier nicht teilbar. 
An der längsten, finstern Wand ein langfinstrer romanisch- 
rokokotischer Säulenbau: das Büfett. In seinen Bogengängen 
Madame Elfensteins Schwert 
und Turnierschild (Bronze), 
und drumrum in Gips sie 
bendreiviertel Musen. 
Das Menü 
besteht aus allen durch 
mathematische Permutation 
erlangbaren Zusammenstel 
lungen der Elemente Kar 
toffel, Hackfleisch, Hering 
und Suppenwürfel. Man 
kann als Axiom behaupten: 
ehe Sir Francis Drake die 
Kartoffel nach Europa 
brachte, war ein Pensiöns- 
betrieb unmöglich. — Dem 
Menü folgt die schwerste 
Prüfung des Tages: der 
Mokka. 
Die Gäste: 
der stumme isländische 
Arzt; 
eine Rumänin mit pasto 
sen Brauen, Autolatcrnen 
in den Ohrläppchen; 
drei Russen, die sich in 
eine Russin teilen; 
ein Industriedirektor aus 
Budapest, der sich um die 
Steuer drückt, indem er 
von Mond zu Mond den 
Aufenthaltsort wechselt; 
Miß Eleanor, schwärz 
liches Gebilde ohne Anhang; 
eine Finnländerin, die, 
den ehrlichen Sitten ihrer 
Heimat entsprechend, keine 
Tür verriegelt — weder 
rechts noch links. Links 
steht ein Waschtisch vor; 
man kann ihn wegrücken. 
Miß Eleanor spricht ungarisch; die Finnländerin: ungarisch. 
Der einzige Deutsche ist der Budapester. 
Preis, Ehre und Ruhm der Pension aber ist Graf Bismarck. 
Elegant, hoch und schlank gewachsen, der Stengel Gottes. 
Welche Aristokratenlaune mag den vornehmen Mann bewogen 
haben. Sejour bei Madame Elfenstein zu nehmen? 
Ihr silbernes Lachen klingt ihr selbst so laut im Ohr, daß sie 
darüber jegliches Klingeln überhört. Sie räumt auf: morgens 
von sieben bis neun die Zimmer der Damen (als welche un 
weigerlich aufzustehen haben). Von zehn Uhr bis in die Nacht 
räumt sie die Herrenzimmer. Hier aber legt Viktoria kein 
Gewicht darauf, daß der Inwohner das Bett verlasse — im 
Gegenteil. Uebrigens ein adrettes Ding mit feinen Dessous. 
Die seidenen Strümpfchen hat die Dame von Nr. 19 vor 
gestern zum Waschen gegeben; Viktoria trägt sie, ökonomisch, 
wie sic ist, indessen weiter; die Waschfrau kommt erst Mitt- 
Der Salon der Pension. 
Schnörkeln reich möbliert, weist außerden 
c gema de auf. Hindenburg über die Generalstabs 
Die Fauna. 
Die Finnländerin klagt über nervöse Schlaflosigkeit. 
Wenn Madame Elfenstein sitzt, pflegt in der Talmulde süd 
lich ihres Busens ein vermotteter Kater umherzustreichen. 
Auch klebt an der Wand über dem Nachttischchen von 
Zimmer 12a seit Monaten eine plattgequetschte Wanze. 
Aufforderung an Obdachlose. 
Rasch zugreifen! Ein Zimmer der Pension ist eben frei ge 
worden, das mit der gequetschten Wanze. 
Der Industriedirektor vermißt einen Ring, die Rumänin Ohr 
gehänge. 
Graf Bismarck wurde plötzlich verhaftet. Er heißt 
Przepiorka.
        
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