Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

7 
Nr. n 
.Jahrg. 25 
Rangierung 
Paulrichartf H e n s e ( 
Kurt v. Seewitz hatte die Stirne in Falten gezogen. Er 
war gezwungen nachzudenken, und gab sich dieser unge 
wohnten Beschäftigung mit einem .Eifer hin, der den Wunsch 
verriet, bald damit fertig zu werdeh. Dabei konnte er eigent 
lich von Glück sagen. Der alte Herr Müller war kein Freund 
langwieriger Erkundigungen und privater Verhandlungen, ihm 
genügten die vielen Empfehlungen — mag der Himmel wissen, 
woher sie alle kamen, dachte Seewitz — und die Aussicht 
einer neu-standesgemäßen Familienerweiterung, die dem noch 
etwas frischen Glanz seines Namens die notwendige vor 
nehme Patina geben könnte. Das Verhältnis war an und 
für sich nicht ungleich: Er gab seiner Tochter eine ansehn 
liche Mitgift, selbstverständlich die 1 vollständige elegante Aus 
stattung, und der junge Herr v. Seewitz gab seinen Namen, 
seine Beziehungen. Und der angehende Flhemann konnte mit 
dieser Aenderung seines Lebens, die allerdings mit starkem 
Antrieb seiner an seinen Schulden; interessierten Freunde ge 
schah, sehr zufrieden sein. 
Aber die Lia, die achtzehnjährige Tochter des reichen Herrn 
Müller, — hübsch war sie nicht, naiv war sie zum Gähnen, 
und mit Intelligenz war sie auch nicht gesegnet. Und hier 
war der Punkt, wo Kurt v. Seewitz anfing nachzudenken. 
Vorläufig war ihm noch ein Rätsel, was er mit dieser Nipp 
figur anfangen sollte Pädagogische Talente lagen ihm nicht; 
aufklärend zu wirken, verspürte er nicht die geringste Lust . . . 
Herrgott, man ist doch anderes gewohnt. Also so ganz ohne 
Liebe, ohne die leiseste Anregung zu einem ganz kleinen biß 
chen Liebe schien ihm die Sache doch nicht so einfach, wie 
es für ihn nötig gewesen wäre. 
Da kam sein alter Korpsbruder zu ihm ins Zimmer und 
durchschnitt die Problematik des künftigen Eheglücks. 
„Lutz", sagte Kurt mit klagender Stimme, „ich bekomme 
Gehirnerweichung neben dieser Puppe. Wirklich, wenn sie 
nicht so vermögend wäre, ich machte einen großen Bogen. ..“ 
Der Andere lachte und zwinkerte mit den Augen. „Ein 
ganz kleiner Bogen genügt schon, gerade so groß, um auf die 
hübsche Kusine Ella zu stoßen!“ 
In plötzlicher Erleuchtung faßte sich Kurt an den Kopf. 
„Du. Lutz, die Ella, das niedliche, fesche, hübsche Mädel? 
Das immer bei Müllers zu Besuch ist? Aber . . . aber . . . 
das muß ich mir erst von dir sagen lassen! Da laufe ich 
selbst blind daran vorbei aus lauter Ergebenheit in mein 
Schicksal —“ 
„Ich glaube, die Familie Müller geht heute abend ins 
Theater", sagte Lutz nebenbei. 
Gerührt drückte ihm Seewitz die Hand. „Ich danke dir. 
lieber Freund, du bist sehr uneigennützig.“ 
Er hatte schon einmal die schöne Ella nach Hause ge 
bracht und wußte sehr gut ihre Adresse. Rasch nahm er 
seinen Hut. — 
Das neue Heim war elegant und Müllers Geschmack ent 
sprechend eingerichtet und harrte seiner Bewohner. Einen 
Tag vor der Hochzeit ging die Braut in einer Anwandlung 
von Backfisch-Sentimentalität in das Junggesellcnzimmer 
ihres Verlobten. Sie hatte eine Zeit ausgewählt, in der sie 
Seewitz fort wußte, um ihm, gleichsam zum Abschied von 
seiner bisherigen Einsamkeit, ein paar Blumen auf den Tisch 
zu stellen. Er wdirde überrascht Sein und sich freuen. Als 
sie sich von seiner Wirtin eine Vase bringen ließ, war aller 
dings die Ucberraschung zuerst auf ihrer Seite. Auf einem 
Stuhl neben dem verhängten Bett lagen achtlos zwei lange, 
seidene Strümpfe, die, nach einigen kleinen Fehlern zu ur 
teilen. ihr Dasein beendet hatten. Aber abgesehen davon, 
daß die Anwesenheit von ein paar nicht billigen Damen 
strümpfen in dem Zimmer ihres; Verlobten nicht gerade 
selbstverständlich erschien, kannte Lia auch sehr gut die 
Farbe und die Herkunft. Es war damals nicht leicht ge 
wesen, für das grüne Kleid ihrer Kusine die passende Strumpf 
farbe zu finden. 
Die Wirtin schaute ihr verwundert nach, als Lia mit den 
Blumen wieder ging. Und die schöne Ella wurde abends gar 
nicht rot, als sic auf Lias Frage, ob denn die Strümpfe immer 
noch halten, ihre schlanken Beine vorstreckte, die von tadel 
loser Seide umhüllt waren, und lachend erwiderte: „Wie du 
siehst, Kleine, — glänzend!“ 
Dann kam die Hochzeit. Und während Seewitz sich be 
trank, um an der Naivität und Keuschheit seiner jungen 
Gattin nicht zu Eis zu erkalten, stand diese in der Fenster 
nische eines Nebenzimmers, schmiegte sich eng an den 
dicken Korpsbruder ihres Mannes und sagte leise: „Du hast 
doch recht gehabt, Lutz; es kann alles beim alten bleiben. 
Bist du morgen zu Hause?“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.