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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Jahrg. 25 
Nr. 17 
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Verliebtheit gewichen zu sein. So erzählte man ihr. Und 
das brachte sie natürlich in den höchsten Zorn, aber sie konnte 
ihre Wut nicht an ihm auslassen. Jede Möglichkeit einer 
Aussprache war ausgeschlossen. 
Allein sie mußte sich mit ihm aussöhnen, — denn sie besaß 
nichts, gar nichts, keinen Cent und kein einziges Kleidungs 
stück. Sie wagte sich also heraus aus ihrem Käfig; aber in 
ihrem Anzug, ohne Hut, mit der 
Bluse der Stewardesse konnte 
sie nicht unter den Menschen 
erscheinen. — Schon war 
Amerika in Sicht, und sie 
mußte endlich ihre Sachen 
haben. Niemand hatte es ge 
wagt, ihr die volle Wahrheit zu 
erzählen, daß von all ihren 
Kostbarkeiten nichts mehr vor 
handen war, daß alles auf dem 
Ozean schwamm. 
Bei der Zollrevision wagte 
sie sich keck hinaus; aber sie 
hatte keinen Fahrschein, kei 
nen Paß, nichts! Und als man 
den Brasilianer, ihren Freund, 
rief, da sah er sie erst wütend 
und dann ganz fremd an, und 
erklärte kalt: 
„Diese Frau kenne ich nicht! 
Kenne ich absolut nicht!“ 
Und schon war er fort; und 
all ihr Rufen hinter ihm her 
half nichts. Er war schon auf 
amerikanischen Boden hinüber. 
Sie bekam natürlich, da sie 
ohne alle Mittel und ohne jeden 
Ausweis war, keine Erlaubnis, 
das Land zu betreten, und 
mußte mit den Zwischen 
deckern auf Ellisisland, wo sie 
ein paar schreckliche Tage ver 
lebte. Die Schiffsoffiziere hat 
ten zusammengelegt und ihr 
wenigstens einen Mantel und 
einen Hut gekauft, weil sie 
sonst nichts anzuziehen hatte, 
und weil sie ja von dem Schiffe 
wieder mit zurückgenom 
men werden mußte, um in 
Cherbourg an Land gesetzt zu 
werden. 
Und so kam sie bei der 
Rückfahrt wieder an Bord. 
Ach, wie sah sie aus, das 
Haar unordentlich, nie ge 
waschen inzwischen und ondu 
liert, die kleinen Finger ohne 
die glänzende Politur, die Wan 
gen fahl, und die sonst so 
lockend rot geschminkten Lip 
pen ganz blaß. Die Schuhe zer 
fetzt, und statt der seide 
nen Strümpfe, derbe, feste Wollstrümpfe, wie ein verwahr 
lostes Proletarierkind. — Sie tat ihnen allen leid; denn sie 
war immer so lieb und nett gewesen, mit ihren lachenden 
Augen, die nun vom vielen Weinen ganz gerötet waren. Es 
war ein so liebes Ding, das von der alten Bulldogge von Bra 
silianer so scharf bewacht wurde, daß keiner an sie heran 
gekommen war; und dabei machte sie immer so hilflose 
Augen, daß man ihr gern ein wenig näher gekommen wäre, 
aber der dicke Kerl erdolchte einen ja mit seinen Blicken. 
Das Schiff war nicht voll, und so dauerte es nicht lange und 
sie bekam einfach eine Kabine zweiter Klasse. Man konnte 
sie doch nicht im Zwischendeck fahren lassen. Der Doktor 
erklärte, das gehe nicht. Er wollte sie ins Lazarett nehmen, 
wenn es nicht anders war. Unter den Zwischendeckern wäre 
sie entschieden krank geworden, das ging einfach nicht. Das 
sahen alle ein. 
Als das Schiff abfuhr, da hatten ihr alle von New York was 
mitgebracht; der eine ein Paar Schuhchen, der zweite Kleider 
und so, einer gar ein Nachthemd; aber das erfuhren die andern 
erst viel später. Der zweite Offizier, der so viel auf seine 
Nägel hielt, hatte ihr gleich 
sein Necessaire zur Verfügung 
gestellt. Und der Friseur, der 
sie auf der Herfahrt frisiert 
hatte, konnte es nicht mitan 
sehen, daß sie so herumlief 
und brachte ihr das Haar 
wieder in Ordnung, und alle 
bemühten sie sich, ihr gefällig 
zu sein und sie die schwere 
Zeit vergessen zu lassen, die 
sie durch die Brutalität des 
Brasilianers hatte erleiden 
müssen. Das war ja ein Ekel 
ohnegleichen gewesen, der 
solch ein hübsches Ding, wie 
sie war, gar nicht wert war. 
Am zweiten Abend stießen 
schon ein paar ihrer Freunde 
in der Nähe ihrer Kajüte auf 
einander, aber sie drückten 
sich schnell, denn ein anderer 
schien der Glückliche zu sein. 
Am folgenden Tage suchte ein 
sehr netter, junger Mann, der 
die Staatszimmer bewohnte, 
ihre Bekanntschaft zu machen. 
Am folgenden Morgen, nie 
mand wußte wieso, fand sie 
sich in der ersten Klasse auf 
dem Sonnendeck ein und lag 
in dem Liegestuhl, an dersel 
ben Stelle, wo der Brasilianer 
sie früher so eifersüchtig be 
wacht hatte, in einem ganz 
feschen Kleide, niemand er 
fuhr, wie sie zu dem gekom 
men war. Die Jungfer einer 
der Amerikanerinnen mußte 
es ihr wohl aus dem Gar 
derobenschrank ihrer Herrin 
verkauft haben, die es nicht 
mehr tragen mochte. 
Am nächsten Abend er 
schien sie am Arm eines Herrn 
im Ritz-Carlton, und niemand 
wagte dagegen Einspruch zu 
erheben. In ihrem Täschchen 
klimperten Goldstücke und 
knisterten die Scheine, — und 
als sie in Cherbourg an Land 
ging, da sahen die einen, die 
ihr ihre Wohltaten nicht um 
sonst hatten zukommen lassen, 
ganz vergnügt, die andern, die bei der Kürze der Zeit nicht 
an sie herangekommen waren, blickten ihr traurig nach, wie 
sie in Begleitung des feschen, jungen Mannes in einen Wagen 
stieg und davonfuhr, gewiß in das nächste große Modehaus, 
um sich all das wieder zu erstehen, was der Brasilianer in 
seiner Wut zum Kajütenfenster hinausgeworfen hatte, weil er 
in seiner wilden Unkultiviertheit nicht verstehen konnte, daß 
diese kleine Person nicht allem für ihn auf der Welt war, 
sondern daß sie die Blicke ihrer schon wieder so kokett 
schwarz umrandeten Augen auch auf anderen weilen lassen 
mußte, die sich wie die Motte zum Licht in ihre verführe 
rische Nähe drängten, um sich ein wenig die Finger am 
Flackerlichte ihrer Liebe zu verbrennen.
        
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