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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jatirg. 25 
Nr. 17 
Kein Mann ging an ihrem Liegestuhl auf dem Sonnendeck 
des Amerikadampfers vorbei, ohne sie mit den Blicken zu 
mustern, wie sie da mit ihrem gemalten Puppengesichte so 
raffiniert hingegossen lag. Nach der neuesten Mode geklei 
det, der Typ der koketten kleinen Pariserin zwischen all den 
großen schlanken Amerikanerinnen, die sich vergebens müh 
ten, es ihr gleich zu tun. die zwar alle kostbarer angezogen 
waren, aber denen man es ansah, daß sie nur Modelle am 
Körper trugen, die für sie nicht direkt erdacht waren. 
Bei der kleinen Französin war alles selbstverständlich. Von 
dem bizarren Hütchen, das sie 
auf ihrem so sorgsam frisier 
ten Köpfchen trug bis zu den 
winzigen Pariser Stiefeln, die 
sie so ostentativ von sich 
streckte, damit auch niemand 
sie in ihrer Kleinheit übersah. 
Aber jedermann sah ebenso 
rasch wieder fort, wenn er auf 
der Wanderung um das Schiff 
an dem Liegestuhl vorbeikam, 
denn neben dem winzigen 
Dinge war beständig ein vier 
schrötiger, schwarzbärtiger Bra 
silianer, der sie nicht aus den 
Augen ließ, der sie wie eine 
wütende Bulldogge bewachte 
und bereit schien, jeden anzu 
springen, der seinem Eigentume 
eine mehr als flüchtige Auf 
merksamkeit widmete. Man 
hatte das Gefühl, im nächsten 
Augenblicke werde er seinen 
Revolver ziehen und auf einen 
losknallen. 
Das Schiff zog nun schon den 
vierten Tag über den Ozean, 
und er hatte die Kleine nicht 
eine Sekunde allein gelassscn. 
Lieberall hin folgte er ihr, und 
sie mußte stets mit ihm gehen, 
ln dem großen Speisesaal hatte 
er sie so gesetzt, daß sie der 
ganzen Schiffsgesellschaft den 
Rücken kehrte, während er all 
seine vielen Feinde vor sich 
sah, bereit, ihnen ins Gesicht zu 
springen, wenn es nötig war. 
Da wollte es der Zufall, als sie auf dem Sonnendeck saß, 
daß der Wind ihr das Spitzentuch entriß und es einem jun 
gen, sehr eleganten Herrn vor die Füße warf, der nichts eili 
geres zu tun hatte, als sich darauf zu stürzen, und es ihr mit 
ein paar höflichen Worten zu überreichen. 
Aufgeregt stürzte der Mann aus Brasilien sich dazwischen 
mit einem Gemisch von französischen und spanischen Wor 
ten und Flüchen; aber der junge Mann war entzückt und 
antwortete ihm mit der größten Liebenswürdigkeit und Sanft 
mut in einem melodischen Spanisch, wobei er sich als Lands 
mann aus der alten Welt vorstellte, — und da blieb dem 
Brasilianer schließlich nichts übrig, als ihm zu versichern, daß 
er sich unendlich freue, einen Stammesgenossen vor sich zu 
sehen. 
L,nd so wurde der junge Spanier der kleinen Französin vor 
gestellt, die er sofort mit seinem besten Pariser Französisch 
überschüttete, so daß der Brasilianer vor Neid platzte, denn 
er stand mit der Sprache der Franzosen noch auf dem Kriegs- 
u e und hatte von seiner kleinen Freundin nur das gelernt, 
was er zum täglichen Gebrauche für sie und seine Bedürf 
nisse nötig hatte. 
Die Bekanntschaft war geknüpft, und die Augen des Bra 
silianers mußten sanfter rollen, wenn er den jungen Spanier 
in so rasch dahin plätscherndem Französisch sich mit seiner 
Freundin unterhalten hörte, daß er kaum folgen konnte, so 
hastig und leise ging das. — 
Am nächsten Tage rollten seine Augen wilder als je zuvor, 
— er verfluchte in allen Tonarten den Sturm, der ihr das 
Taschentuch entführt hatte, und war fest davon überzeugt, 
daß sie es absichtlich verloren hatte. 
Man durfte ihm nicht in den Weg kommen; denn sein 
Zorn war so groß, daß er es 
nicht ansehen konnte, wie das 
Paar miteinander lachte und 
scherzte, und dann lief er da 
von und rannte um das Schiff, 
— aber behielt die beiden 
immer im Auge und kehrte 
gleich wieder um. und schlich 
sich an sie heran, wie ein Tiger, 
der seine Beute anspringen will. 
Und es dauerte nicht lange, 
da erwischte er sie in einem 
hübsch dunklen Gange, wohin 
sic sich geflüchtet hatten; und 
er stürzte sich auf sie mit 
Dolch und Pistole, — aber ein 
paar Stewards eilten auf das 
Wutgebrüll herbei und suchten 
ihn festzuhaltcn. 
Der Spanier entwischte und 
wurde sofort versteckt. Die 
Kleine aber hatte er gefaßt. 
Sie glaubten alle, er wolle sic 
würgen, aber er riß ihr nur das 
Perlenhalsband ab, wobei das 
Kleid in Fetzen ging, und 
brach ihr fast die Finger, von 
denen er ihr die Ringe, trotz 
ihres sinnlosen Geschreis, a'o- 
streifte. Endlich hatten sie ihn 
von ihr freigemacht und sperr 
ten ihn erst einmal in seine 
Kabine, wo er gewaltig ru 
morte, indes sie eilends die 
Französin vor seiner Mordlust 
in Sicherheit brachten. 
Als man endlich seine Ka 
binentür öffnete, war seine 
erste Wut verrauscht; aber es sah wild in dem Raume aus. 
Er hatte alles, was er ihr inj Paris gekauft hatte, zum Fenster 
hinausgeworfen, Hüte und Kleider und Stiefel, ihr Hand- 
köfferchen und selbst das Nachthemd, das er aus dem Bette 
gezerrt hatte. Nichts war geblieben, aber auch gar nichts, — 
nicht der Fetzen eines Taschentuches. 
Francine aber saß heulend in einer Kabine der zweiten 
Klasse und hatte sich von einer Stewardesse eine unförmige 
B>use geborgt, um ihre Blöße zu bedecken, denn mit der 
Spitzentaille war nichts mehr anzufangen, die war total zer 
rissen und zerstört.- 
Sie hatte versucht, ihrem brasilianischen Freunde zu schrei 
ben, sie bekam keine Antwort. Es wurde ihr geraten, ihren 
Raum nicht zu verlassen, denn der Brasilianer wollte sie noch 
immer umbringen. Auch der junge Spanier war verschwun 
den, und sie konnte auch ihm keine Nachricht zukommen 
lassen. Endlich erfuhr sie, daß er froh war, den Händen des 
blutgierigen Brasilianers entschlüpft zu sein, und nicht die aller 
geringste Lust verspürte, sich in neue Todesgefahr zu begeben. 
Den Brasilianer hatte eine andere junge Dame auf dem 
Schiffe schon ein wenig getröstet, seine Wut schien neuer
        
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