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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Jührß. 25 
Nr. 16 
Catherina Gorfi 
Eine junge Dame fuhr mit dem Lift nach dem vierten Stock. 
Schon in der ersten Etage spürte sic eine leichte Be 
klemmung und oben angelangt, klopfte ihr Herz wie bei un 
gewohnter Höhenluft. 
Dekorativ lud der Diener mit weißbehandschuhter Geste 
in die Eingangshalle und ein sehr eleganter junger Mann trat 
alsobald aus dem Atelier und sagte, sich höflich verneigend: 
„Gnädige Frau, es ist mir eine besondere Ehre.“ 
Nun saßen sie sich beide allein gegenüber — tranken Tee, 
aßen kleine Kuchen und redeten allerlei über ein Schweigen 
hinüber, das erwartungsvoll in der Atmosphäre vibrierte. 
Gleichgültige Worte erfüllten den Raum, häuften sich, 
sammelten sich und türmten sich allmählich trennend zwi 
schen ihnen auf. 
Sie wartete mit gesteigerter Anspannung auf irgendeine Be 
wegung, irgendein Wort, das spontan verbindend von einem 
Menschen zum anderen eine Brücke schlägt. Sie fühlte: hier 
war das nahe Ereignis und ungeheuere Möglichkeiten an Er 
leben — — sie wartete — jedoch nur fremde, gleichgültige 
Worte der Konversation erfüllten den Raum. 
Sie hoffte auf die stimmungsvolle Dämmerung, aber die 
Dämmerung sank langsam ins Zimmer, das erlösende Stich 
wort war nicht gefallen. „Es muß etwas geschehen! dachte 
sie — ein neuer befreiender Ton. — Und jäh in die Stille der 
Pause erklang kurzes lautes Bellen vor der Türe. „Ah — 
das ist Lord!“ rief der junge Mann, aufspringend. 
Ein großer, langhaariger Hund kam munter herein, erfüllte 
die Luft mit Bewegung. Die Situation war plötzlich beweg 
lich, der Tonfall neu, befreiend. — Lord reichte voll ernster 
Würde gehorsam die große Pfote und verschlang Kuchen mit 
der wichtigen Kennermiene eines Gourmets. 
Der Hund saß zwischen ihnen — genau in der Mitte. Und 
sie wußte: hier war die ersehnte Brücke. 
Wahrscheinlich strich eine andere Frau jetzt über den Kopf des 
Hundes oder streichelte dessen Rücken. Dann streichelte der 
Besitzer ebenfalls den Rücken, wie zufällig berührten sich 
beider Hände, allmählich wurde der Hund überflüssig, man 
sagte; kusch! — die Brücke war geschlagen — die Verbin 
dung da. 
Sie blickte zögernd nach der schmalen Hand, die auf dem 
Fell des Tieres ruhte. Vielleicht dachte er an das gleiche 
System und wartete jetzt — 
Aber ihre Hände lagen wie erstarrt auf dem Seidenkleide 
— nein, nein! —- diesen Mann empfand sie zu wertvoll — sie 
rückte unwillkürlich weiter fort; das vermochte sie nicht, 
solch traditionellen Weg ein Unvorhergesehenes, 
Spontanes, Gewaltiges mußte es sein, geboren von der 
Stärke des Gefühls. — Die Möglichkeit war wohl da . . . aber 
die Form war nicht möglich . . . 
„Also Lord! ganz brav — wie spricht der Hund? . . . 
willst du wohl! — wie spricht der Hund?“ ertönten seine 
Worte in das Chaos ihrer grübelnden Gedanken. 
Wau — wau! 
. . . Etwas Schönes — Seltenes — Ungewöhnliches mußte 
es sein, das sie zusammenführte — oder ein ganz selbstver 
ständliches zwingendes Muß ... — 
„Ja, wo ist der Hund?“ 
„wa—u w—a—u—u, du bist^ ein braver Hund! Ja, du bist 
schon ein braver Hund! Geh, such das Kätzchen — ist das 
Kätzchen nicht da? — also nochmal schön Pfoti geben — 
braver Hund sein! ganz braver Hund!“ 
Seine Worte störten sie plötzlich. Warum sagte er denn 
immerfort: Pfoti geben — ei, wo ist das Kätzchen?, ei, wo 
ist der Hund? — warum redete er denn immerfort in diesen 
banalsten Ausdrücken, die allenthalben törichte Leute an 
jeder Straßenecke zu irgendwelchen Hunden sagen? — 
Sprach man denn so mit einem Wesen, das während drei 
Jahren alle Stunden der Einsamkeit als Gefährte teilte? 
Sprach man so mit einem großen, grauhaarigen Be 
gleiter, der klug und aufmerksam dasaß wie ein pensionierter 
Stationschef? — Warum stieß er einen solchen alten Freund 
mit jedem Worte immer wieder in die Kategorie: Hund ? 
Wenn er nach drei Jahren so zu diesem treuen Gefährten 
sprach, was sagte er wohl nach drei Monaten zu seiner Ge 
liebten? ln welche Kategorie stieß er sie? Blieb sie immer 
nur „sein Verhältnis“, so wie ihm dieser immer nur — sein 
Hund — blieb? — Diese Frage beschäftigte sie. 
Seine Hand ruhte noch immer auf dem Fell des Tieres. Es 
störte sie, daß diese Hand immer noch dalag und zuversicht 
lich wartete, daß sie auf dieser geschmacklosen Brücke wohl 
gemut und bürgerlich den Weg in seine Arme fände. 
Sie fühlte sich persönlich angegriffen, beleidigt über den 
Hund hinaus, an ihrer Erwartung, ihrer Illusion geschädigt 
— in dem Niveau ihrer Empfindung gedrückt. 
Das Ganze brach herein wie eine Allegorie — verwirrte 
ihre Gedanken — tötet ihren Enthusiasmus — stürzte sie 
herab zur Alltäglichkeit. — Es war aus, alles aus. 
Sie betrachtet ihn mit heimlicher Feindschaft. 
Und der junge Mann erhob sich endlich, zündete nervös 
eine Zigarette an, ging enttäuscht.im Zimmer hin und her. 
Aber, war es nicht ihr eigener~"Fehler? Warum denn 
hatte sie den günstigen Moment verpaßt? Warum lauschte 
sie krampfhaft auf einen anderen besonderen Ton? Sie hätte 
nicht so lange überlegen — nicht unnütz grübeln sollen — 
sie hätte den Rücken des Hundes streicheln müssen — sie 
hätte sich dieses neutralen praktischen Weges bedienen 
sollen, dann wäre sie jetzt schon über die Brücke zu ihm ge 
langt und bald, sehr bald würde er zärtlich Schatz oder 
Liebchen sagen —. 
„Will der Hund Gassi — Gassi gehen?“ vernahm sie wie 
durch Nebel seine Stimme. 
Sie stand auf und sagte etwas unvermittelt mit gezwunge 
nem Lächeln: „Es ist spät, ich muß jetzt wirklich auch ,Gassi 
—- Gassi' gehen.“ 
„O, wirklich schon!“ entgegnete der junge Mann, „das ist 
aber wirklich schade.“ — 
Sie fuhr mit dem Lift aus dem vierten Stock herab. Im 
Parterre angelangt, schlug ihr Puls ganz schwach und müde 
wie nach einer Krankheit. 
Es hatte inzwischen geregnet; das Trottoir war ziemlich naß. 
Die junge Dame dachte: Ich hätte doch besser Gummi 
schuhe anzichen sollen. 
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