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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Nr. 16 
Jaßrg. 25 
6 
Ro ßrpostb riefe) 
Von Leo. 
Morgens zehn Uhr. 
Lieber Bubi! 
Meine Sehnsucht nach Dir ist riesengroß! Komm, laß uns heute 
einen fidelen Abend verbringen! Ich erwarte Dich einhalb acht 
Uhr bei mir. Vergiß aber die große Brieftasche nicht, Dein Racker 
hat einen rasenden Durst nach Sekt! 
lausend Kusse! 
Dein Racker. 
PS. In dem Juzueliergcschäft am Potsdamer Platz liegt ein wunderbarer Brillant, 
ring aus. Bubi, der säße wunderbar an deines Rackers Händchen! 
* 
Morgens elf Uhr. 
Liebster Racker! 
Deine Sehnsucht wird geteilt und Vorschlag akzeptiert! Ein 
halb acht Uhr bin ich mit großer Brieftasche und — wenn Du ganz 
süß zu sein versprichst — dem Brillantring bei Dir. Ziehe das 
schwarze Seidenkleid an, Du kleine Königin. „ , , 
' Herzlichst I 
Bubi. 
* 
Morgens elf Uhr. 
Lieber Doktor! 
Sie müssen mich heute abend decken. Habe offiziell Konferenz 
mit Ihnen in Sachen Müller & Co. Kleine nette Sache. Natürlich 
Diskretion! ßesten Gruß! 
Ihr Werner Thiele. 
* 
Abends sechs Uhr. 
Liebste Frau! 
Soeben telephoniert Dr. Schulze heute abend große Konferenz 
in Sachen Müller & Co, die sich lange hinziehen kann. Muß 
Dich also allein lassen. Anbei zur Entschädigung eine Karte für 
die Oper. Amüsiere Dich gut und bedaure ein wenig 
Deine 
abgearbeitete Männe. 
* 
Abends sechs einhalb Uhr. 
Liebe „abgearbeitete“ Männe! 
Soeben erhalte ich heute den zweiten Rohrpostbrief von Dir. 
Im ersten, der mich gegen mittag erreichte, nennst Du mich Racker, 
was seit unserer Verlobtenzeit nicht mehr vorgekommen ist, und 
versicherst mich Deiner großen Sehnsucht, die Dich abends ein halb 
acht Uhr mit großer Brieftasche und einem Brillantring zu mir 
treibe, im zweiten sendest Du mir eine Karte für die Oper. Du 
bist heute sehr freigebig! 
Oder sollte der erste Brief nur versehentlich an mich adressiert 
sein? Das wäre allerdings fatal, sehr fatal! Zudem traf ich heute 
früh Dr. Schulze. Er reiste mit dem Neunuhrschnellzug für zwei 
Tage nach Hamburg! 
Das Beste ist also doch wohl, ich kläre alles persönlich auf. 
Mit unserm Auto folge ich diesen Zeilen und hoffe, vielleicht zu 
gleich mit ihnen bei Dir anzukommen. Ich will mich nur schnell 
noch schön machen für Dich. Was für ein schwarzes Seidenkleid 
Du meinst, weiß ich allerdings nicht, aber hoffentlich gefalle ich 
Dir auch in der von mir getroffenen Wahl. Ich verspreche, ganz 
süß zu sein, Bubi! Elise 
Pro cf o m o 
Seltsames Tier der Mensch I Lind Weißer gar i 
Ißr Kopf, ißr Herz, was für ein Labyrinth / 
Was für ein Strudel tief und voll Gefahr 1 
Vermäßft. verwitwet, fedig, immer sind 
sie rastlos wie der Wind und wandefßar. 
an glaußt, man kenne sie, und dann beginnt 
die Sache oft recht rätseCßaft zu werden,- 
das ist uralt und immer neu auf Erden.
        
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