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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Jafirg. 25 
Nr. 16 
Von J. U Ce m a n n 
Innerlich 
Das heißt: ich trat nicht fehl, ich wäre nur beinahe ausge 
rutscht. Du sollst Vater und Mutter ehren wie dich selbst! So hatte 
ich es in der Schule gelernt, so dachte ich, und so lebte ich. 
Die Eltern waren für mich der Inbegriff aller Freiheit und 
Erwachsenheit. Vater durfte in der Speisekammer naschen, 
ohne daß Mutter ihn auf die Finger schlug, und Mutter 
durfte Vater mit dem Gelde bemogeln, ohne daß Vater sie 
über die Knie legte. Beide aber konnten sic über die Groß 
eltern herziehen, ohne daß sie der liebe Gott bestraft hätte. 
Sie konnten auch nach dem Abendbrot ausgehen, soviel sie 
wollten, und brauchten nicht mehr an das Ammenmärchen 
vom Klapperstorch zu glauben, Alles, was sie taten, war gut 
und richtig. 
So sagten sie. Alles, was ich aber tat, war falsch. „Der 
Klügere gibt nach“, dachte ich und gab nach, 
dachte ich mir aber mein Teil, denn ich 
war nicht auf den Kopf gefallen. Ich 
schimpfte, naschte, mogelte und hängte den 
Storchglauben an den Nagel, d. h. ich tat 
es in Gedanken, denn zur Ausführung fehlte 
mir der Mut. Außerdem hatte Vater einen 
Stock. 
Du sollst Vater und Mutter ehren wie 
dich selbst! Konnte ich sie besser ehren, 
als außen zu gehorchen und innen ihnen 
nachzueifern? Mußte dieses Vorbild nicht 
der höchste Grad der Vollkommenheit für 
mich sein? Andere Jungens sind mit acht 
Jahren nicht so pflichtbewußt und aufge 
klärt, wie ich es aus Liebe zu meinen Er 
zeugern war. 
„Wer lieben will, muß leiden“, hatte ich 
mal irgendwo gelesen. Schluchzend hielt 
ich mich an der Kehrseite fest und schwur 
dem alten Besen ewige Rache. 
Als ich am nächsten Tage meine Ohr 
feigen für diverse negative Lobsprüche ein 
geheimst hatte, suchte ich bei Anna meine 
Zuflucht. Anna liebte mich, denn ich war 
Teilhaber ihrer Geheimnisse. Kein Mensch 
außer mir wußte von den Weckgläsern 
unter ihrem Bett. Vertrauen ehrt und ver 
brüdert. Bei Anna konnte ich wohl mal 
einen Klaps wagen, ohne hinterher heulen 
zu müssen. Sie wusch gerade die Teller ab und zeigte mir 
ihr freundlichstes Gesicht in voller Rundung. Das gab mir 
Mut. 
Zuerst klopfte ich nur ganz leise an. Sie meckerte ver 
gnügt. Ich klopfte stärker. Sie meckerte und spritzte. Da 
klopfte ich mit der ganzen Kraft meiner 96 Monate, denn nun 
galt es, die Festung zu nehmen. Stürmische Liebhaber sind 
immer preisgekrönt. 
„Was willste denn, Julemännchen?“ hauchte der Schwarm 
meiner Sehnsucht unter Tellergeklapper. 
„Küsse mich, Anna, denn ich liebe dich!“ 
„Det kannste doch bequemerhaben, wozu erst den Umweg!“ 
Plautz, pardautz, hatte ich meinen Kuß weg. Er schmeckte 
nach mehr und gebratenen Zwiebeln, denn wir hatten Leber 
gehabt. 
„Anna, ich werde dich heiraten, denn du küßt gut. Bitte, 
noch einen!“ 
„Der janze Vater!“ 
Anna strahlte über das dampfende Antlitz und hielt noch 
mals hin. 
Ich trank mich satt an ihren Lippen und fühlte mich zum 
Manne gereift. 
„Junge, du küßt wie dein Oller“, gestand sie mir beim 
letzten Augenaufschlag. 
Dieses Lob einer erfahrenen Jungfrau machte mich stolz. 
„ c omme heute Abend wieder“, und raus war ich. 
An die Schularbeiten war heute natürlich nicht zu denken. 
Murmeln sind auch nur eine Beschäftigung für unreife Kinder, 
aber nichts mehr für geküßte Knaben. Ich ließ die Hosen 
etwas länger herab, um mir einen männlicheren Eindruck zu 
verschaffen und betrachtete mich mit dem Lächeln des Siegers 
im Spiegel. Ob man mir meine Vergangenheit ansah? 
Ich hoffte und fürchtete es. Was würde der Vater dazu 
sagen, daß ich ihm seine Braut ausgespannt hatte? Würde 
er mich verhauen oder mich stillschweigend an den Lippen . 
unserer Anna beteiligen? Wie würde sich die Mutter nun 
mehr zu uns beiden stellen? Würde sie sich über den 
Erfolg ihres Jungen freuen? Ach, die liebe Mutter. Sicher 
lich tat sie es. Sie liebte mich ja so abgöttisch. Am besten 
wäre es schon, ich machte die Anne dem Vater ganz ab 
spenstig und führte ihn so in die Arme seiner Frau zurück. 
Sie würde ihm bestimmt verzeihen, wenn ich sie darum bäte 
und ihr von meinem Liebesglück erzählte. 
Ob ich Anna für den Abend eine rote 
Rose kaufte? Einen Groschen hatte ich 
noch. Beim Bäcker gab es aber heute 
frischen Warschauer. Ich schwankte zwi 
schen Himmel und Erde. Die Erde 
siegte, denn ich hatte Hunger. Außerdem 
muß man doch gekräftigt zu seiner Braut 
gehen. Rosen verblühen, aber Warschauer 
sättigt. 
Zum Abendbrot konnte ich natürlich 
nichts essen. Erstens die Aufregung, zwei 
tens der Warschauer. Mein Nebenbuhler 
war Gott sei Dank nicht da; das beruhigte 
mich etwas. Als Mutter meine Hosen 
flickte, schlich ich mich ins Paradies hinaus. 
Der Vulkan kochte über. 
Anna war nicht in ihrer Küche, sondern 
in ihrer Kammer. Ich benutzte schnell die 
Gelegenheit, um den Kalbsbraten von mor 
gen zu kosten, steckte den glühenden Kopf 
unter die Wasserleitung und klopfte bei der 
Liebsten an. 
„Anna, mach auf, ich bin es!“ 
„Komm man rinn, die Tür is uff!" 
Selig brach ich zusammen. Anna, die 
irrtümlicherweise glaubte, ich wollte ein 
Weckglas unter ihrem Bett hervorholen, 
ließ sich bei der Toilette nicht stören. Sie 
stand im Hemd mit nackten Füßen. Auf 
dem Tisch stand die Butterglocke, neben ihr lag Mutterns 
Kamm. Ich dachte an die Loreley und meinen Vater. Schüch 
tern kroch ich näher und wagte zu schielen. Die Furcht und 
ein undefinierbares Gefühl verschloß mir den Mund. Als 
Anna den Kamm in die Butter tauchte, dachte ich an die 
Mutter, die stets so sparsam schmierte. Arme Mutter! 
Gatte und Sohn betrogen dich, dein Fett 'wanderte auf 
fremde Köpfe. Und dabei hattest du viel dünnere Arme, 
viel kleinere Füße und keine Hühneraugen. Mir war gar 
nicht mehr zum Küssen zu Mute. Ich verstand den Vater 
nicht, denn ausgezogen war Anna wrklich nicht schön. Außer 
dem wusch sie sich jetzt die Beine und machte mich naß. Das 
kühlte mich noch mehr ab. 
Ich war auch kein Romeo, als Mutter in der Tür stand und 
mir eine schallende Ohrfeige versetzte. Liebhaber dürfen zu 
Füßen der Geliebten nicht weinen, ich aber heulte schauder 
haft. Anna nicht minder, weil sie morgen gehen sollte. Weinte 
sie nun um mich oder um den Vater? 
Betrogene Frauen sind hartherzig, sie kennen kein Ver 
zeihen. Als ich Mutter unter Tränen gestand, daß ich ihr nur die 
Treue ihres Mannes zurückgewinnen wollte, zog sie mir die 
Hosen runter. Sic kühlte nun ihrerseits den rauchenden Zorn 
an meinem Fleisch. Die Sünden der Väter rächen sich an 
den Kindern. 
Zum nächsten Ersten nahm Mutter nur eine Aufwartefrau. 
Vater kommt seitdem nur noch selten nach Hause und ich 
muß abends die Teller abwaschen. Unser Geschirr wird 
immer weniger.
        
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