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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Nr. 16 
Jafirg. 25 
Hans Brasch, Berlin 
3 
Hauchdünne schwarze Seide. Durch sie schimmerten, da 
das Licht des Schlafraumes dahinter war, die Konturen des 
schönsten Körpers. Augen — tief und treu. Dieser Mund 
— gut und sehnsüchtig —. Diese schlanken Arme, die sich 
mir entgegenhoben. Mich umdonnerte jäh mein Blut, fegte 
funkelnd alles Denken fort, riß mich vorwärts, so daß ich 
auf sie zustürzte und sie mit einem Sprunge in die wartenden 
Kissen trug. 
Schon bebten meine Hände über dem Seidengericscl, da 
zwang mich irgendetwas, viel 
leicht ein verspäteter Ge 
danke, der vor der Purpur 
welle sich verkrochen hatte, — 
was weiß ich — irgendetwas 
zwang mich, die Augen zu öff 
nen, und — ich sah den edlen 
Kopf vor mir, die Augen ge 
schlossen. Um die Nasenflügel bebte auch die Lust, 
der Mund war eine Hingebung und — doch um den Mund 
— um die Mundwinkel huschte fast unmerklich ein — 
Lächeln —, ein Lächeln, das Triumph verriet — Triumph! 
Mit einem Schlage erkannte ich die Raffiniertheit der Falle, 
der ich fast zum Opfer gefallen war. Ich sprang auf. War 
sofort ruhig. Das Blut ebbte ab. Ich pfiff eine Melodie. 
Wie nach einem Peitschenhieb flog sie empor. Sah und be 
griff. — Aber sie konnte das verwegene Mittel, dessen sie 
sich bedient hatte, nicht mehr meistern, die Geister, die sie 
gerufen hatte, nicht wieder bannen. Sie waren stärker. Die 
Lust hatte sie umkrallt. Sie wollte, mußte mich jetzt haben; 
zu sehr hatte das Spiel mit dem Feuer sie entflammt. 
Ich schickte mich an zu gehen. Sie wissen, daß das für 
eine Frau eine tötliche Beleidigung ist. Wie eine Mänade 
stieß sie mich zurück. Ergriff einen schmalen maurischen 
Dolch, der immer auf dem Toilettentisch lag, stellte sich vor 
die Türöffnung und rief: „Wage nicht, fortzugehen — ich 
töte dich — 
Sie brannte mich an, der ganze Körper ein elastisch-gewalti 
ger Trieb, ein mächtiges Lodern und Glühen. 
Und, meine Gnädigste, Sie werden es vielleicht verstehen, 
jetzt plötzlich wandelte sich mit einem Schlage die Situation. 
Alles Vorhergegangene versank. Spiel und Kampf, Katze und 
Geist waren vorbei. Die Entscheidung lag allein in ihrer Hand. 
Sie wissen, wie ich die Elemente liebe. Feuer, Meer, Sturm. 
Ein solches Urelement, ein solch erdhafter Urinstinkttrieb 
stand da plötzlich vor mir: Das Weib! Und ich hätte ihn ebenso 
unausweichlich lieben müssen wie die anderen Elemente, 
wenn — ja, wenn er sich als Urtrieb bewies. Das mußte 
ein Schritt bringen. — Ohne ein Wort sah ich sie fest an 
und schritt auf die Tür zu. Der Dolch blitzte, ich fühlte 
wie er in mein Schulterfleisch 
eindrang. Es kam sofort Blut. 
Im nächsten Augenblick warf 
sie ihn weit fort, fiel vor mir 
nieder, schluchzte, weinte: „Ver 
gib“ — tastete nach der 
Wunde: „Verzeih“ — — 
Ich streifte sie ab, legte ein 
Taschentuch auf die Wunde und sagte kalt im Gehen: „Fast 
hätten Sie vorhin gesiegt, Madame. Aber auch jetzt — wenn 
Sie es wirklich getan hätten, zugestoßen —, dann hätte ich 
Sie lieben müssen, eben wegen dieser Tat, wegen der Ur- 
wucht Ihres Lebens, wegen der tiefen Verkettung Ihres Seins 
mit der Natur, der eindeutigen, gewaltigen Gefühls - Trieb- 
Manifestation. Aber Sie haben selbst bei dem höchsten Auf- 
schäumen Ihres Weib-Seins und seiner gleichzeitigen schwer 
sten Beleidigung noch — gedacht. Kleopatra hätte einen 
Mann, der das getan hätte, ermordet. Auch die Pompadour 
hätte ihn erdolcht. Aber Sie blieben im Versuch kläglich 
stecken. Wagten es halb, aber waren der Tat nicht ge 
wachsen. Sie sind nicht reiner Trieb, nicht reiner Geist — 
auch keine Verbindung von beiden. Nur ein Gemenge. Ein 
Gemisch. Kein Weib. Nur ein weibliches Wesen. Wie 
alle. Sie werden weiterleben. Heiraten Sie bald *— 
Der Marquis schwieg. Öie Frau vor ihm war aufgestanden. 
Sie sagte heftig: „Sie sind ja Verlassen Sie mich! So 
fort! Kommen Sie nicht wieder. Ich will Sie nicht mehr sehen.“ 
Sie ging hinaus. — Er sah ihr nach. Lächelte, als er den 
Hut nahm. Und wußte, daß er sie morgen schon besitzen 
und daß sie die schmale Narbe an seiner Schulter küssen 
würde, wenn er schlief und sie glaubte, daß er es nicht be 
merken würde. 
Vor fr e u cf e 
Dem Bräutigam graust, so schaut die Braut ihn an; 
Ihr Blick verspricht ihm mehr — als er dann halten kann.
        
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