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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Wintersport in der Schweiz 
Von Hanns Gotenius, 
W, 
ährend wir in deutschen Wintersportpläßen leider nur zu 
häufig im Januar und Februar »hangend und bangend in 
schwebender Pein« des Schneefalls warten, der Wald und Feld in 
eine dichte weiße Decke hüllt und uns die heiß ersehnten Sport 
freuden beschert, gibt es ein glückliches Land, in dem der 
Sportsmann von Anfang Dezember bis Ende Marz fast 
mit Sicherheit meterhohen Schnee, klingendes Eis 
und — strahlenden Sonnenschein vorfindet. 
Der Wintersport des Auslandes, der im 
wahren Sinne des Wortes internationale 
Wintersport, von dem hier die Rede sein 
soll, ist der der Schweiz, und St. Moritz 
und Davos sind die Perlen in dem Kranze 
der zahlreichen, landschaftlich so herrlich 
gelegenen Gebirgsorte, in denen sich 
allwinterlich die beste internationale 
Sportgesellschaft ein Stelldichein gibt. 
Von Gletschern und schneebe 
deckten Bergriesen, deren Gipfel die 
3000 m-Grenze überragen, von den 
Strahlen einer fast südlichen Sonne 
überflutet, ist St. Moriß mit seinen 
eleganten Hotels und den fast einzig 
dastehenden Wintersportanlagen das 
wirkliche Dorado des Eis- und Schnee- 
sports. Wie es im Hochgebirge von 
Ceylon eine Stadt — Nuwara Eliya — 
gibt, in der jedermann, sei er Europäer 
oder Eingeborener, dem Golfspiel hul 
digt, so widmet sich in St. Moriß in den 
Wintermonaten ein jeder, den sein Beruf 
nicht gerade daran hindert, den hier in 
überreicher Fülle dargebotenen Freuden des 
Winters. Wohin man auch seine Schritte lenkt, 
überall begegnet man den Wintersportlern mit 
Rodel und Skiern, Bobsleigh oder Skeleton, und 
wer all diesen Sportübungen kein Interesse ab 
gewinnen kann, der tummelt sich auf der büßen 
den Flüche der Eisbahn im Kunstlauf oder übt 
Auge und Hand auf einem der verschiedenen 
»Curling-rinks« beim Curling, einer schottischen Abart des bei 
uns in Friesland und in den Marschen seit altersher gepflegten 
Eisbosselns. Es gibt eigentlich keinen Wintersport, der in St. Moriß 
nicht getrieben wür 
de — auch hervor» 
ragende Eishockey 
wettspiele mit dem 
Ball (Bandy) und 
nach kanadischer Art 
mit der Scheibe fin 
den hier statt, und 
die Pferderennen, 
I rab- und Galopp 
rennen auf dem Eise 
des St. Morißer Sees 
erfreuen sich inter 
nationaler Berühmt 
heit — aber seinen 
eigentlichen Weltruf 
verdankt St. Moriß 
dem »Cresta Run«, 
dieser unvergleichli 
chen Skeleton-Bahn, 
auf derGeschwindig- 
keiten wie sonst auf 
keiner anderenSchlit- 
telbahn erzielt wer 
den. . . . Bäuchlings 
liegt der Skeleton 
fahrer auf seinem 
flachen Fahrzeug, die 
Hände um die vor 
dere Rundung der 
stählernen Kufen ge 
krumpft, die Beine 
mit den stahldorn- 
bewehrten Stiefeln nach hinten gespreizt, jeden Augenblick bereit, 
die sausende Fahrt durch leichtes Bremsen zu verlangsamen oder 
die Steuerung, die im allgemeinen durch geschickte Verlegung des 
SAiwettsprinpen in Cßamounix. 
SAefetonfafrer auf „Cresta Run" in St. Moritz 
(int Hintergründe die großen Wintersport-Hoteis J 
Körpergewichts bewerkstelligt wird, zu unterstüßen. Mit Schnell 
zugsgeschwindigkeit jagt der Skeleton vom Startplaß die erste 
Gerade hinab, gerade, als fiele er ins Bodenlose. Schon fliegt er 
wie ein Pfeil in die erste Kurve; klirrend schlagen die Stahlkufen 
in die büßende Eisdecke der Bahn — der ganze »Cresta 
Run« ist vereist, um größere Schnelligkeiten zu er 
möglichen — unter dem Ansaß des leise brem 
senden Fußes sprißen Eissplitt er in die sonn- 
durchglühte Wiuterluft — aber ehe sie noch 
niederfallen, ist der kühne Fahrer schon 
wieder davon und entschwindet wie ein 
Schütten in der nächsten Geraden. Dann 
taucht er noch einmal wie ein Phantom 
auf, ein schnell dahinhuschender Punkt 
in der Ferne, ein Sonnenglast, bis un 
sere Augen ihn nicht mehr zu erfassen 
vermögen. — Skeletonfahren auf dem 
Cresta-Run ist Sport, Männersport! 
Nur wer über langjährige Übung und 
eiserne Nerven verfügt, darf sich 
auf diese Bahn wagen, auf der 
schon mancher gute Sportsmann den 
Tod gefunden hat. Die besten Fahrer 
stellen hier England und die Schweiz, 
und von den großen Rennen, die all 
winterlich hier ausgefahren werden, 
spricht man in den vornehmen Lon 
doner Klubs nicht weniger als in den 
eleganten Karawansereien von St. Moriß 
selbst. Ein Sieger im Skeleton-Rennen 
auf dem »Cresta Run« ist in St. Moriß 
der vielbewunderte Held des Tages, und 
wenn er abends nach dem Diner im Frack, 
in der weißen Hemdbrust die matte Perle, das 
sonnengebräunte Gesicht glatt rasiert, in den 
Ballsaal tritt, so fliegen ihm alleMädchenherzen zu. 
Wie der Tag auch gewesen, von anstrengen 
dem Sport im Sonnenschein oder im stäubenden 
Schnee erfüllt — vielleicht führte eine Skitour 
in die Regionen der Gletscher, oder man rang 
in heißen Kämpfen auf der Bobsleighbahn um den Sieg der 
Abend ist ein für allemal fröhlicher Geselligkeit gewidmet. Und 
wo man auch weilt, in St. Moriß oder Davos, in Klosters, Arosa, 
Engelberg oderMür- 
ren — überall gilt 
dasselbe gesellschaft 
liche Zeremoniell, 
jenes internationale 
Zeremoniell, in dem 
die englisch sprechen 
de Welt den Ton 
angibt. Deutsche 
Laute wird man hier 
nur vereinzelt hören, 
neben dem Engli 
schen, das bei weitem 
vorherrscht, aber alle 
anderen Sprachen 
des valutastarken 
Auslandes. 
Nicht ganz auf der 
stolzen sportlichen 
Höhe wie St. Moriß 
steht Davos, aber 
auch hier beherrscht 
der Sport den Tag, 
und auch hier sehen 
wir alt und jung, das 
starke unddasschwa- 
che Geschlecht in 
buntem Sportdreß 
durch die Straßen 
marschieren, den Ro 
delschlitten am Seil 
mit sich ziehend oder 
mit vereinter Kraft 
den schweren »Bob« schleppend, auf den eschenen Brettern lang 
sam ins Freie wandernd oder die blanken Stahlschuhe am Arm 
die Eisbahn aufsuchend. Die Eisbahn des Internationalen Schlitt-
        
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