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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Nr. 15 
Jahrg. 25 
19 
ihr doch heiße Blicke zuwarf, so geschah das nur, weil 
ich mir sagte, daß der Weg zu dem Fuße einer Frau 
doch über die Augen ginge. Aber umsonst: sie sah 
mich nicht, ich war Luft! — Und bald sah ich ein, daß 
es bei dieser Frau für mich nichts zu erobern gab! — 
Aber diese Einsicht machte mich nui noch wirrer, der 
Fuß wurde für mich ein unerreichbares Ideal, — ich 
konnte ihn nicht mehr fortdenken aus meinem Leben, 
er war da — und entschied alles. Er verließ mich nicht 
mehr. Wo ich ging und stand, funkelte mir der Fuß 
vor den Augen. Nachts tanzte er wie ein Leuchtkäfer 
vor mir her! — Ich konnte tun, was ich wollte: nichts 
half! — Ich betrank mich — ich schlich zu anderen 
Frauen: umsonst! — Immer deutlicher hob es sich mir 
vor die Augen: dieser Fuß und kein anderer!“ — 
F„r löffelte heftig in seinem Tee. 
„Selbstredend: eine solche Liebe fördert die Arbeit 
nicht. Mein Chef bekam Grund, mich zu tadeln. Aber 
was half’s? — Alle Versuche, meiner Leidenschaft Herr 
zu werden, trieben mich nur noch tiefer hinein! — O. 
ich will Ihnen nichts von meinen Träumen erzählen! — 
Heiß waren sie und berauschend! — Und ich gehöre 
nicht zu den Menschen, die sich mit bloßen Träumen 
begnügen, ich wollte Wirklichkeit und entwarf dumme, 
törichte, abenteuerliche Pläne! — Natürlich ließ sich 
keiner von ihnen ausführen, und das rieb mich nun 
ganz auf. Mein Chef stellte mir meine Entlassung in 
Aussicht mich ließ das im Grunde kalt, ich hatte 
nur noch einen Trieb, einen Wunsch, eine Sehnsucht: 
einmal den geliebten Fuß streicheln dürfen!“ — 
Er lächelte glücklich vor sich hin. 
„Und dann kam mir der Zufall zu Hilfe. Als ich 
einmal allein im Kontor saß, kam sie herein. „Mein 
Gatte nicht hier?“, war ihre kurze, herrische Frage. 
Und da durchschoß mich eine Idee. „Sie möchten ihn 
hier erwarten!“, log ich entschlossen. Sie ging ohne 
einen Blick an mir vorbei und nahm in einem der Klub 
sessel am Fenster, mir den Rücken zukehrend, Platz. 
Und nun sah ich noch einmal den Fuß, sah, wie er in 
dem entzückenden, spangenlosen Schuh saß, wie er 
ganz leise hin und her wippte, — und da stieg es heiß 
in mir empor — wie eine Faust packte es mich von 
innen, ich schlich ganz leise an den Sessel heran, ohne 
daß sie es bemerkte, ich kniete hin und sah nun mei 
nen 1 raum, sah den entzückenden Fuß dicht, ganz dicht 
vor meinen Augen — sah die leichte, enge Fessel — 
und streckte meine Hand aus —“ 
Er hielt wie trunken einen Moment inne. 
„Streckte meine Hand aus und ließ sie zweimal 
leicht, ganz leicht über den Fuß und den Seidenstrumpf 
gleiten. Sie schrie entsetzt auf, — mir gellt der Schrei 
heute noch in den Ohren — aber ich hielt den Fuß fest, 
— wie ein Stück eigenes Leben — küßte ihn — und 
dann riß ich den Schuh ab, sprang auf und stürmte 
hinaus!“ — 
Auf seinem Gesicht lag eine seltsame Verklärung. 
„Pervers, meinen Sie? — Gott, meinethalben. Ich 
habe es noch nie bereut. Obwohl meine Stellung hin 
war, mein Vater mir grollte — und ich so langsam 
herunterkam. Heute bin ich nur ein Schiffbrüchiger! 
Aber glauben Sie mir. mein Herr, — ich schwöre Ihnen 
bei meinem ehrwürdigen Gehrock: wenn ich mein 
Leben noch einmal beginnen dürfte, — ich würde den 
Fuß wieder streicheln!“ 
Er stand auf, nahm sich noch eine Zigarette und 
reichte mir die Hand: 
„Ich muß nun gehen! — Sie haben vielleicht die Güte 
und erledigen meinen Tee! — Uebrigens: wenn Sie sich 
für Reliquien interessieren, — besuchen Sie mich bitte! 
Auf meinem Schreibtisch steht noch immer dieser ent 
zückende, winzige, blinkende Lackschuh!“ Paul Kred
        
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