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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jahrg. 25 
Nr. 15 
Der schlanke, verhungerte, nicht sehr saubere Herr 
in dem reichlich unmodernen Gehrock, mit dem mich 
irgendein Zufall in dem kleinen Literatenkaffee an 
einen Tisch gewirbelt hatte, bat mich nun schon zum 
vierten Male um eine Zigarette. 
„Sie müssen nämlich wissen“, erklärte er auf mein 
Befremden, „ohne Zigarette bin ich kein Mensch. Der 
Rauch erst gibt mir Seele, Geist, Leben! — Es ist 
heute meine einzige Leidenschaft! — Früher (und er 
lächelte versonnen) hatte ich noch eine andere. Da 
mals, als ich noch ein anständiger Mensch war! Es ist 
lange her und heute bestimmt vorüber. Denn quasi 
bin ich heute ein „Schiffbrüchiger“. Mich quält das 
nicht. Aber wissen Sie, woran ich eigentlich geschei 
tert bin?“ 
Er richtete seine blauen, glanzlosen Augen fragend 
auf mich. 
„An einer ganzen Kleinigkeit! An einem kleinen, 
winzigen, blinkenden Lackschuh! 
Er sah vor sich hin. 
„Interessant, nicht?“ sagte er selbstgefällig: „Inter 
essant und unwahrscheinlich, aber gerade deshalb inter 
essant. — Wie gesagt, es ist lange her. Mein Vater 
hatte mir mit Mühe und Not eine gute Stelle als Vo 
lontär bei einer hiesigen großen Firma besorgt; ich 
hatte gute Chancen — und wäre sicher heute Mit 
inhaber dieser Firma oder Begründer einer noch grö 
ßeren, wenn — — die Frau meines Chefs nicht einen 
ganz entzückenden Fuß gehabt hätte.“ — 
Sein Gesicht wurde ernst. 
„Ich hoffe, Sie wissen, was ein entzückender Fuß ist. 
Etwas, was es im allgemeinen wenig gibt. Was man 
hier so sieht ist gewöhnlich Talmi, künstlich ge 
schaffene Form, unnatürlich — und darum nichts wert. 
Aber der Fuß dieser Frau — der war ein organisches 
Wunder, denn sie war weder hübsch noch besonders 
reizvoll von Figur, aber ihr Fuß war etwas Göttliches. 
Etwas, das alle hundert Jahre einmal vorkommt. Ein 
Gedicht! — Dieser Fuß war' klein, schmal, — ach, er 
ist unbeschreiblich. Er war eben ein Wunder!“ 
Langsam entnahm er meinem Etui, das noch auf dem 
Tische lag, eine neue Zigarette und zündete sie um 
ständlich an. 
„Sehen Sie“, fuhr er fort, „Wunder sind nichts Gutes 
und richten nur immer Unheil an! Wir Menschen 
vertragen keine Wunder — und ein junger, heißer 
Mensch erst recht nicht! — Dieser Fuß wurde mein 
Schicksal. Als ich ihn das erste Mal gesehen hatte •— 
— es war ein heller Vormittag, und die kleine Frau 
holte ihren Gatten zum Essen heim •— war ich wie 
von Sinnen. Ich sah den beiden vom Fenster aus 
nach, sah den kleinen Fuß im blinkenden Schuh immer 
wieder unter dem Rocke hervorhuschen — und war 
trunken. Ich fuhr mir über die Stirne, über die Augen 
— vergebens: Der Fuß tanzte noch immer vor mir 
her!“ — 
„Ich sah sie dann öfter; d. h. natürlich nur den Fuß. 
Alles andere ließ mich eigentlich kalt, und wenn ich
	        
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