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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Nr. 15 
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Jahrg 25 
Die erste Fahrt begann. Knorke stand an der Rücklehne 
des Führersitzes und ließ selbstbewußt seine Stimme ertönen: 
„Also, meine Herrschaften, jetzt werde ich Ihnen zeigen 
Berlin mit all seinen Schätzen und Herrlichkeiten. Ein will 
kommenes Warenhaus für die Entente, die allmählich alle 
Völker zu uns schickt, damit sie sich bei uns satt essen "kön 
nen. Aber, was sie denken, ist nicht. 
Hier sehen Sie die große Staatsbibliothek, die Wärmchallc 
der deutschen Studenten, wenn sie im Winter zu Hause keine 
Kohlen haben! — Drüben das alte Palais, an dessen histori 
schem Eckfenster der olle Wilhelm immer uff die Straße ge 
guckt hat und sich freute, wenn die Wache aufzog. — Hier, 
der alte Fritze mit dem Krückstock. Ihm wäre wohler, er 
hätte nie gelebt! 
Jetzt, meine Herrschaften, kommen wir zum deutschen 
Reichstag. Gewaltig und schön. Die Hochburg der Intelli 
genz und Pharisäer. Wer ihn kennt, hat die Nase voll! 
Vor dem Gebäude der geniale Bismarck, der die sagenhafte 
deutsche Einigkeit schuf, die 
uns jetzt den Wiederaufbau 
der zerstörten Kräfte um vie 
les erleichtert! — Hier sehen 
Sie die historische Sicgesallee, 
leider unvollständig, weil der 
letzte Sproß infolge Platz 
mangel seinen Wohnsitz nach 
dem Auslande verlegt hat. 
Friede seiner Asche!“ 
So ging es weiter. 
Dicht bei Knorke, auf den 
ersten Plätzen, saß eine char 
mante junge Ausländerin, die 
interessiert seinen Ausfüh 
rungen folgte. Er hatte sie 
schon des öfteren beobachtet 
und mit besonderem Wohl 
gefallen ihre Eleganz und ero 
tische Anlage bewundert. Das 
wäre etwas für dich — dachte 
er bei sich — und warf ihr einen feurigen Blick zu, den sic 
mit tiefem Augenaufschlag erwiderte. Die muß geneppt wer 
den! — So oder so! Beruf ist Beruf und Mann ist Mann! — 
Als der Wagen wieder vor dem Reisebureau hielt und die 
Gäste langsam ausstiegen, machte sich Knorke unauffällig 
an die junge Schöne heran. 
„Waren Gnädigste mit der Fahrt zufrieden?“ 
„Danke sehr. Ich kenne Berlin schon von früher. Dies 
mal wollte ich eigentlich das Nachtleben einmal kennen 
lernen. Wissen Sie keinen gewissenhaften Führer, dem man 
sich beruhigt anvertrauen kann?“ — Und dabei warf sie 
ihm einen feurigen Blick zu, daß Knorke glaubte, ihm falle 
der Himmel auf seine Schädeldecke. 
„Nichts einfacher als das,“ erwiderte er mit erzwungener 
Ruhe. „Wenn Sie mit meiner Wenigkeit fürlieb nehmen 
würden.“ 
„Warum nicht?“ — 
„Gut. Dann seien Sie bitte heute abend um 8 Uhr hier 
vor diesem Bureau. Die Kosten gehen natürlich zu Ihren 
Lasten!“ 
Sie willigte ein und verschwand mit kurzem Nicken. 
Knorke schwamm in Seligkeit. Vorausahnend hatte er sich 
am Nachmittag einen leicht angeschmutzten Smoking und 
Zylinder gepumpt, der ihm ganz vorzüglich stand, und stol 
zierte nun wie ein Graf pünktlich am gegebenen Orte auf 
und ah. Bald darauf erschien auch sie, angetan mit einer der 
entzückendsten Toiletten und einem tief scharlachroten 
Abendmantel. 
Die Begrüßung war kurz, aber schon sehr herzlich. 
„Gestatten Gnädigste, daß ich mich vorstelle,“ fing Knorke 
an. „Mein Name ist Knorke. Im Kriege Küchenchef beim 
Stabe der 6. Reservedivision, später Viehhändler in Klcin- 
Kleckersdorf und jetzt vereidigter Fremdenführer beim Reise 
bureau „Nepp“. Teuer, aber kulant. — Auch Sie werden mit 
mir zufrieden sein. Allerdings bitte ich um die Ehre, Sie
        
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