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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Nr. 15 
Jahrg. 25 
Knorke als "Fremdenführer 
Als sich Knorke durch einen geschickten Schieberhandel die 
ersten so selten geschmackvollen fünf Zehntausender verdient 
hatte, stand es für ihn fest: jetzt gehst du nach Berlin und 
fängst mit dem Kapital an zu wuchern. Dumme gibt es stets 
genug und die müssen gerupft werden. 
Gesagt — getan! 
Eines Morgens stand Knorke auf dem Anhalter Bahnhof 
und schaute sich zunächst einmal per distance den „Laden“ 
an. Die Berufswahl war doch nicht so leicht, wie er sie sich 
anfangs gedacht hatte. Aber wie so oft im Leben der Zufall 
die Hauptrolle spielt, so auch hier. 
Gemächlich schlenderte er die breiten „Linden“ entlang 
und bewunderte die reich geschmückten Schaufenster. Fast 
schien es ihm unmöglich, daß so viel Kapital dem Publikum 
offen feilgeboten werden könnte. 
Plötzlich stutzte er. In der Tür eines Reisebureaus stand 
ein eleganter junger Mann, um scheinbar etwas frische Luft 
zu schnappen. Nanu, dachte Knorke, den Mann kennst du 
doch? — und schritt näher hinzu. 
„Sagen Sie mal,“ sprach er den jungen Mann an, „kennen 
Sie Knorke?“ 
Der Fremde schaute zunächst etwas verdutzt darein, lachte 
dann aber plötzlich auf und sagte: 
„Knorke? Im Felde hatten wir mal einen sogenannten 
Küchenchef dieses Namens.“ 
„Das bin ich,“ erwiderte Knorke. „Kennen Sic mich denn 
nicht wieder? Sie sind doch der ehemalige Sergeant Lehmann, 
der alle sechs Monate in Urlaub fahren mußte, weil seine Frau 
angeblich an chronischem Familienzuwachs litt.“ 
„Das stimmt,“ bestätigte lachend der junge Mann. „Was 
treiben Sie denn hier?“ 
„Ich stehe vor der Berufswahl,“ erwiderte Knorke stolz. 
„Wissen Sie keine passende Beschäftigung für mich?“ 
„Darüber ließe sich reden,“ sagte Lehmann und lud ihn 
höflichst ein, in das Innere des Bureaus zu kommen. 
Knorke ließ sich das nicht zweimal sagen und saß bald in 
einem bequemen Klubsessel, harrend der Dinge, die da kom 
men sollten. 
„Also, hören Sie zu,“ begann Lehmann. „Sie kennen doch 
sicher unsere bekannten Rundfahrten, um den hier weilenden 
Fremden die Sehenswürdigkeiten Berlins zu zeigen. Vor eini 
gen Tagen ist uns zufällig ein Führer krank geworden, für den 
wir bisher noch keinen passenden Ersatz finden konnten. 
Würden Sie sich getrauen, diesen Posten zu übernehmen? Der 
Beruf ist sehr angenehm und wird außerdem gut bezahlt.“ 
„Knorke,“ sagte Knorke, ohne lange zu überlegen, und 
schlug ein. 
Dann setzte man einen Kontrakt auf mit kurzer Probezeit 
und verabredete den Dienstantritt bereits für den nächsten 
Tag. Stolz wie ein Veroneserfürst Unterzeichnete Knorke sei 
nen Namen. 
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