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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Nr. 15 
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Wiederum fünf Minuten später schmeckte es beiden 
vortrefflich, und sie unterhielten sich so gut, als seien 
sie alte h'reunde. 
Als das Diner abgegessen war, fragte Fritz den Kell 
ner, ob er wohl das Telephon benutzen dürfe. 
„Ich will im Hotel nur mal nachfragen, ob mein 
Onkel schon angekommen ist — einen Augenblick 
bitte.“ Damit nickte Fritz seiner Begleiterin zu und 
verschwand in dem Tele 
phonkabinett. 
Schon nach wenigen Mi 
nuten war er wieder zu 
rück. „Noch ist er nicht 
da“, sagte er lächelnd zu der 
Kleinen, „aber er dürfte je 
den Augenblick ankom 
men. Ich habe im Hotel 
Bescheid gegeben, wo ich 
bin.“ 
Er nahm wieder Platz und 
sie tranken weiter, bis 
plötzlich der Kellner an den 
Tisch trat. 
„Verzeihung“, sprach er, 
„habe ich wohl die Ehre mit 
Herrn Dr. Schwarz? Am 
Telephon verlangt man 
nämlich einen Herrn dieses 
Namens.“ 
„Bin ich“, antwortete 
Fritz schnell, nickte dann 
der Kleinen zu, indem er 
ziemlich laut sagte: „Nach 
richt vom Hotel; gewiß ist 
der Onkel jetzt da — einen Augenblick bitte.“ 
Gleich darauf war er wieder da und verkündigte mit 
lebhafter Stimme: „Der Onkel ist da — hat auch einen 
riesigen Appetit. Aber nun müssen Sie mich, bitte, mal 
fünf Minuten entschuldigen, Fräulein, denn ich muß den 
alten Herrn abholen; er fährt nicht gern allein. — Also 
bitte, nur fünf Minuten höchstens.“ 
Und dann rief er den Kellner heran, zu dem er mit vor 
nehmer Herablassung sagte: „Bitte, legen Sie noch ein 
Gedeck auf und lassen Sie noch eine Flasche gut tem 
perieren.“ Dabei stand er auf, legte zwei Stühle um, 
langte nach seinem Paletot und rief der Kleinen noch 
einmal lächelnd zu: „Also höchstens fünf Minuten. Gute 
Unterhaltung inzwischen.“ Wobei er ihr ein Witzblatt 
überreichte und dann verschwand. 
Das alles ging so schnell vonstatten und wurde so 
selbstverständlich gemacht, daß auch nicht einer der 
Zurückgebliebenen zu widersprechen wagte. 
Und nun vergingen fünf Minuten, dann zehn, dann 
fünfzehn, dann eine halbe Stunde, aber Herr D -.Schwarz 
kam nicht wieder, so daß dem Fräulein immer unheim 
licher zumute wurde, da die Zeit ihrer Mittagspause 
bald um war. 
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Endlich trat der sie bedienende Kellner heran und 
fragte sehr höflich: „Wünschen Sie vielleicht, meine 
Darne, daß wir den Herrn Doktor telephonisch rufen?“ 
„Ach ja, bitte sehr“, antwortete sie mit leichter Ver 
legenheit. 
„Bitte, wollen Sie mir dann die Wohnung des Herrn 
Doktor nennen?“ 
Nun errötete die Kleine und sagte leise: „Ja, die weiß 
ich auch nicht.“ 
Der Kellner schmunzelte, 
nahm sich aber zusammen 
und ging. 
Bald darauf trat dann der 
Geschäftsführer an den 
Tisch und fragte höflich: 
>>Wie ich von dem Kellner 
höre, meine Dame, wissen 
Sie die Adresse des Herrn 
nicht?“ 
„Nein, genauer kenne ich 
ihn auch nicht,“ sagte sie 
errötend in angstvoller Ver 
legenheit. 
Der Herr Geschäftsführer 
machte ein ernstes Gesicht, 
musterte die Kleine von 
oben bis unten, so daß sie 
immer verlegener wurde 
und endlich unter Zittern 
erzählte, daß sie Verkäufe 
rin sei und unter welchen 
Umständen sie den Herrn 
kennengelernt hatte. 
„Nun, ich fürchte, Sie 
sind da einem Zechpreller in die Hände gefallen“, er 
widerte er. 
Jetzt traten der Kleinen die hellen Tränen in die Augen. 
Der Geschäftsführer sah bald ein, daß sie nichts von 
dem Streich geahnt hatte, und so fragte er höflich: 
„Wünschen Sie nun die Rechnung zu begleichen, Fräu 
lein? Sie beträgt 92,50 Mark. 
Da antwortete sie bebend: „Ich habe nur 25 Mark 
bei mir, aber ich werde Ihnen meine Uhr als Pfand 
hierlassen.“ 
Und er, um jeden Skandal zu vermeiden und den an 
deren vornehmen Gästen diesen Vorfall unbedingt zu 
verheimlichen, sagte leise und überlegen lächelnd: 
„Lassen Sie nur. Ich glaube Ihnen, daß Sie düpiert 
sind; aber lassen Sie sich dies zur Warnung dienen und 
sehen Sie sich ein andermal Ihren Gastgeber etwas ge 
nauer an.“ Damit reichte er ihr den Mantel, war ihr 
beim Anziehen behilflich und begleitete sie bis zur Tür, 
ganz so, als wäre sie eine Dame der vornehmen Gesell- 
schä ft 
Draußen erst atmete sie befreit auf, bestieg die 
Straßenbahn und fuhr ins Geschäft. 
Herrn Dr. Schwarz sah sie niemals wieder. 
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