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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Jahrg. 25 
Nr. 15 
Fritz Behrend war ein intelligenter junger Mann, aber 
er war ein Geschöpf unserer Zeit. Er fand kein Be 
hagen an ehrlicher Arbeit. Wenn er einen reichen 
Mann sah, sagte er sich: Dieser Mensch hat hundert 
mal soviel, wie er verbrauchen kann; ich aber habe 
nichts, also nehme ich mir von dem, was der Reiche 
zuviel hat, denn auch ich habe das Recht, zu leben. 
Nach diesen Grundsätzen regelte er sein Leben. Und 
da er bisher stets Glück gehabt hatte, waren seine Ein 
nahmen reichlich genug gewesen. 
Dennoch aber war er augenblicklich auf dem Trocke 
nen. 
Als er so durch die Straßen schlenderte, meldete sich 
sein'Magen, der seit Stunden ohne nennenswerte Nah 
rung war. 
Verdammt. Er hatte Hunger. 
Er stand vor einem Restaurant und sah, wie drinnen 
serviert wurde. 
Ein würzig-kräftiger Speiseduft stieg ihm in die Nase. 
Wütend ballte er 
die Hand. 
Warum hatte er 
kein Geld? 
Plötzlich ging ein 
junges Mädchen vor 
bei, das ihm grüßend 
zunickte. 
Etwas erstaunt sah 
er auf. Dann er 
kannte er die Kleine. 
Sie war Verkäuferin im 
Handschuhgeschäft 
und hatte ihn schon 
oft bedient. 
Wie hübsch und 
fesch sie aussah, ganz 
wie eine Dame. 
Und da, urplötz 
lich, kam ihm eine 
Idee. 
Er sprach sie an. 
„Nun, mein Fräulein, 
machen Sie Mittags 
pause?“ 
Sie nickte mit leich 
tem Erröten. 
„Und nun geht’s 
nach Hause zu Mut 
tern, wie?“ 
„Meine Eltern woh 
nen nicht hier; ich 
esse bei meiner Wir 
tin“. antwortete sie 
unbefangen und hei 
ter. — 
„Hier in der Nähe’“ 
„O nein, hoch im 
Norden. 
„Ja, haben Sie denn soviel Zeit?“ 
„Nur zwei Stunden.“ 
V^er das ist ja die reine Hetzjagd.“ 
Lächelnd sagte sie: „Man gewöhnt sich auch daran.“ 
Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er lächelnd: 
„Wie wär’s, Fräulein, wenn wir beide heute zusammen 
speisen würden? Ich lade Sie ein.“ 
Sie wurde rot, sah schweigend vor sich nieder und 
endlich erwiderte sie ein wenig kleinlaut: „Aber ich 
kenne Sie doch fast gar nicht, mein Herr.“ 
Er mußte lächeln, und keck sprach er weiter. 
„Was will das heißen? Ich kenne Sie ja auch nur 
daher, daß Sie mir einige Male etwas verkauft haben. 
So was ist ja nachzuholen. Schwarz heiße ich. Doktor 
Schwarz! So, nun kennen Sie mich. Und jetzt nennen 
Sie mir Ihren Namen, wenn ich bitten darf.“ 
Doch auch jetzt schwieg sie noch. Sie verhehlte sich 
keinen Augenblick, daß sie den feschen, eleganten 
Mann, den sie verschiedentlich bedient hatte, ganz gern 
leiden mochte, aber dennoch zögerte sie, seine Einla 
dung anzunehmen. 
Das merkte er, und deshalb begann er nun von 
neuem: „Befürchten Sie nichts. Ich tue Ihnen nicht 
das geringste. Ich 
möchte heut nur nicht 
allein essen. Und da 
uns der Zufall gerade 
hier zusammenführt, 
so bitte ich Sie, mein 
Gast zu sein. Also 
nun sagen Sie ja, da 
mit die kostbare Zeit 
nicht ungenützt ver 
rinnt.“ 
Aber auch jetzt 
schwieg sie noch. 
Da sah er plötzlich 
aus der Tasche ihres 
Jacketts die Abonne 
mentskarte der Stadt 
bahn herauslugen; er 
zog sie schnell her 
vor. 
„Ah, da hab ich ja 
Ihren Namen!“ rief er 
heiter. „Marta Bür 
ger! Also, Fräulein 
Marta, noch einmal 
lade ich Sie feierlichst 
ein!“ Und schnell 
nahm er ihren Arm 
und führte sie fort. 
Mit leichtem Zö 
gern folgte sie. Doch 
er sprach heiter und 
tröstend auf sie ein 
und brachte so die 
letzten Bedenken in 
ihr zum Schweigen. 
Fünf Minuten spä 
ter betraten sie ein 
vornehmesRestaurant. 
Als das Paar, selbstbewußt und sicher, eintrat, sprang 
sofort ein Kellner hinzu, und Fritz bestellte zwei Diners 
und eine Flasche Rotwein mit solcher Noblesse, daß 
der Kellner Respekt bekam.
        
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