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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Nr. /5 
Skizze von Pautricfard Hensc 
„Nun muß ich gehen!“ 
Graziös, aber bestimmt, setzte die schlanke Kitty die Beine 
auf die Erde und stand auf. 
„Warum, Kitty? Der Abend ist noch lang,“ bat der junge 
Mann, der, noch im Bann ihrer Liebkosungen, sie sich nicht 
entgleiten lassen wollte. Aber das Mädchen stand schon vor 
dem Spiegel und ordnete sich mit ein paar gewohnten Han 
tierungen das zerzauste Haar. 
„Komm, Bubi, zieh mir die Schuhe an . . . nein, erst den 
Strumpf glatt ziehen . . . bitte, keine' Uebergriffe, du! Ist 
schon gut, morgen komme ich wieder, nein, übermorgen. . .“ 
„Warum nicht morgen, Kitty? Was hast du vor?“ 
Ein helles Lachen kam von den roten Lippen. 
„Lebe ich denn nur für dich? Was kümmert es dich denn, 
was ich sonst mache? Sei doch nicht so unzufrieden?“ 
Der junge Kurt Brache sah sie mit ernsten Augen an: 
„Kitty, ich habe dich doch lieb. Ich kann den Gedanken 
nicht ertragen, daß dir ein Anderer mehr ist, daß du einen 
Andern auch liebst!“ .. „. 
„Wer spricht denn von Liebe?“ Die ringgeschmuckten lun- 
ger fuhren schmeichelnd durch das Haar des i lannes. ich 
bin ein junges, verwöhntes und sehr begehrtes Mauchen, das 
weder die Anlage zum Nachdenken noch zum Sich-sorgen hat. 
Aber so ein bissei Dankbarkeit ist doch in mir, wenn da ein 
Mann ist, der mir schöne und teure Sachen kauft — gefiel 
dir nicht selbst die gelbe Seide so gut? — der für mich 
sorgt . . . na, siehst du, darüber kann man doch nicht hinweg- 
schen. So eine Existenzgrundlage braucht man. Liebhaben —■, 
du, Bubi, lieb hat man doch nur den, den man um seiner 
selbst willen liebt und nicht seines Geldbeutels wegen. Ver 
stehst du das?" 
Aber Kurts Miene blieb ungläubig und so traurig, daß Kitty 
ihm rasch einen Kuß mitten auf den Mund gab. 
„Bessere dich, du,“ rief sie ihm noch zu. Dann war ihre 
zierliche Gestalt hinter der Tür verschwunden. — 
„Nein, es ist d o c h nicht wahr, was sie mir sagte,“ grübelte 
Kurt Brache für sich, „immer wird ihr der lieber sein, der 
mehr für sie opfern kann. Und weil ich so ein armer Schlucker 
bin, der nichts hat, nicht einmal für sich genug, werde ich 
immer an letzter Stelle stehen. Pfui Teufel, bin ich denn ein so 
unbegabter Kerl, daß ich es nicht auch zu etwas bringen kann?“ 
Und nun kam er Tage und Wochen nicht mehr aus dem 
Grübeln heraus. Bücher und Zeitschriften stapelten sich auf 
seinem Tisch, des Abends saß er mit Freunden oder auch 
allein in einem Cafe, immer auf den Anknüpfungspunkt 
lauernd, der ihm die Tore zum Reichtum öffnen sollte. Ihm 
war alles recht, sogar, daß Kitty jetzt seltener zu ihm kam. 
Ja, er hatte sogar eine leise Furcht, sie zu treffen, seitdem er 
nachts Schlepperdienste für einen geheimen Spielklub versah. 
Das brauchte sie nicht zu wissen. Und allmählich — Triumph 
der Sehnsucht — bewahrheitete sich das Sprichwort, daß es 
der Herr den Seinen zwar nicht im Schlaf, aber in der Nacht 
gibt. 
Kitty machte große Augen, als Kurt eines Tages zu ihr 
sagte: 
„Du, an deinem Strumpf ist eine Masche gefallen. Ich werde 
dir ein paar neue geben.“ Und er reichte ähr ein kleines 
Päckchen. 
„Tramaseide?“ lächelte Kitty, „und auch gleich passende 
Strumpfbänder dazu? Du bist ein lieber Kerl!“ 
Und sie beeilte sich, dem Geschenk den ihm zukommenden 
Platz zu geben. 
Kurt aber meinte obenhin: „Kleinigkeiten, Kitty! — Sag’ 
mal, hast du Lust, heute abend einen Bummel mit mir zu 
machen?“ 
Kitty sann einen Augenblick nach, dann sprang sie auf. 
„Machen wir, Kurt, ich bin dabei!“ 
* 
Ein paar Wochen später trug Kitty ein apart gesticktes, 
graues Tuchcape, ein paar hohe Wildlederschuhc und einen 
Modellhut von Gerson Prager. Kurt, der mit der selbst 
bewußten Miene sicheren Besitzes neben ihr ging, war immer 
gern bereit, ihr neue Aufmerksamkeiten zu erweisen, und 
Kitty war immer gern bereit, ihm dankbar zu sein. — 
Und wieder ein paar Wochen später saß sie in dem Atelier 
des schwarzhaarigen Malers Waszko und tröstete ihn: 
Immer kann ich doch nicht bei dir sein, du Ungenüg 
samer. Du hast nur deine Liebe für mich, und dem, der alle 
meine kostspieligen Launen befriedigt, muß ich doch dankbar 
sein. Liebhaben, Bubi, tut man doch nur den, den man um 
seiner selbst willen liebt. Und das bist doch du . . .“ 
Und sic küßte ihn. 
^ÜjDaes fragt benn btt? Ctebc 
©as ßättbcfien tn ifitem ßemb mar ^erriffen, 
bet ®ummi in i fitem Strumpfbanb oetfefiftffen. 
©tei fcfjefmifcfie Befjeu fugten fjernot 
im Strumpf au« betn ^arteften Setbenffor. 
Sie fadjefte: „3a, tef) bin bie SHtfete! 
3cf) bringe btt nicfjtes afe fjaft — meine £f)te . . . !" 
©oef) icf) — icf) toar feftg unb ilüffett mar Trumpf . . . 
< ?Taes fragt betm bie Cie6e — nadj Cöcfjetn im Strumpf?!? 
Leander 
Ga[ante Histörchen 
G e d a tt he nspfitter 
Im Anfang, als der liebe Gott Himmel and Erde erschaffen hatte 
and alles, was dazu gehört, überblickte er noch einmal sein Werk 
and sah, wie Adam -vergnügt und sorglos im Paradies umher 
spazierte. 
„Halt , sprach da der liebe Gott, „eins fehlt noch auf der Erde- 
der Arger!" 
Und da erschuf er Eva, das Weib. 
* * 
y,Du der Hans und die Elly haben jetzt nach fünf Monaten 
schon ein Baby bekommen!" — 
..Der hat eben auch mit .Vorliebe* geheiratet ..." W. Rector 
Jeder Mann, der sich mit einem jungen Mädchen vermählt, 
heiratet ein Geheimnis. 
* 
Die Kranhe.it des Alterns ist die schrecklichste von allen, die 
einzige vielleicht, für die es keinen Trost und kein Heilmittel gibt: 
sie läßt der Hoffnung nicht den geringsten Raum und ist die ein 
zige Krankheit, die mit jedem Augenblick wächst und immer 
schwerer wird. 
* 
Die Institution der Ehe hört langsam auf mit unsereh modernen 
Sitten übeinzustimmen. Marcel Prevost
        
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