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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Nr. 15 
Jafirg. 25 
Heinz Lorenz 
Der Dampfer legte Gersau an. Walt Thomsen trug den 
straffen Körper zielstrebend durch die wenigen Aussteigen 
den quer über die Straße, prüfte mit raschem Blick den brei 
ten gefälligen Bau mit der Inschrift „Hotel Müller“, schritt 
durch den schmalen Park, ließ sich ein Zimmer seewärts geben. 
Er betrat es mit seinem kurzen energischen Schritt, stockte 
fast plötzlich, den Kopf zurückwerfend, und sog mit schnup 
pernden Nüstern die Luft ein. Dies bemerkend, öffnete der 
Ober beflissen und diskret die Balkontür, verschwand. Aber 
Thomsen stand noch immer, sog noch immer die Zimmerluft 
prüfend in die Nase, ehe er langsam und ganz in Sinnen auf 
den Balkon trat. Seine klaren Augen glitten jetzt nachdenk 
lich über den Wasserspiegel und suchten verträumt das jen 
seitige Gebirg ab, ohne Bewußtsein für das herrliche Bild. 
Er sah ein anderes, weit-weit zurückliegendes, das über Jahre 
hinweg mit einem Male zum Greifen nah vor ihm stand: 
Ein Fest der englischen Gesandtschaft in der Residenz. 
Mit einer blonden 
Frau. Von ihrem 
Körper, von ihren 
Haaren strömte ein 
fremder aufreizen 
der Duft aus, der 
ihn berauschte. 
Dann berauschte 
ihn die Frau. Ein 
mal beim Tanz 
sagte er: „Was für 
ein eigenartiges 
Parfüm Sie ha 
ben!“ Jetzt'noch 
hörte er den 
lächelnden Tonfall, 
mit dem sie sagte: 
„Eigenes Rezept, 
Thomsen: Grab 
apples and Lilas. 
— Mögen Sie es 
leiden? — Er: 
„Ich mag S i e lei 
den!“ — „Danke!“ 
Aber ihre Klar 
heit und ruhige 
Güte zog Schran 
ken. Da er sie 
besitzen wollte, 
mußte er sie hei 
raten. Es war ein 
Traum, drei Jahre 
lang. Dann kam 
wieder die Unrast 
über ihn, die Bunt 
heit der Welt, die 
Farben des Lebens 
reizten ihn und 
rissen ihn von ihrer 
Seite. Fünf Jahre 
hatte er neue Frei 
heit genossen. Und 
wie! Er war ein 
Genießer, der je 
den Trunk, jede 
Frucht, die ihm das 
Leben bot, mit 
ästhetischem Sinne 
lm Voraus prüfte 
und nuancierte, um 
stets den Kern zu 
schmecken und nie 
enttäuscht zu wer 
den. 
aber* ipf°? de * ?rau Latte er dabei wenig gedacht. Heute 
zurück t Zt ^ 8 era dc jetzt . . . Rasch trat er ins Zimmer 
;,tä » Ä. t,-fflfuÄffaäSsi: 
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einanderjagenden Bildfetzen, die er kaum zusammensetzen 
konnte, verwirrt, packte er langsam den kleinen Handkoffer 
aus und verstaute die Necessaireteile auf dem Toilette 
tisch. 
Als er eben eine Schublade aufzog, fand er in der hinteren 
Ecke ein hellgelbes Lederfutteral. Hastig, in jähem Erkennen 
griff er es, und als er cs öffnete und den mit Silber adju 
stierten Krsytallflacon entnahm, bekamen seine Hände unwill 
kürlich jene weichen Bewegungen, mit denen er sie, vor Jah 
ren, etwa über die Nackenlinie seiner blonden Frau hatte 
gleiten lassen. Der Flacon war halb gefüllt: Grab-apples and 
Lilas! Nur sie hatte diese Essenz gehabt, nur sie konnte in 
diesem Zimmer gewesen sein. 
Im Vestibül ließ er sich das Gastbuch geben, und als er den 
Namen fand, ging es wie eine Erschütterung durch seinen 
Körper. Eve Thomsen! Noch immer hatte sie seinen Namen 
beibchalten — seinen Namen, die Stolze, die zu stolz war, 
damals auch nur 
mit einem Wort 
zu versuchen, ihn 
zurückzuhalten! Er 
stellte rasche Fra 
gen an den Con 
cierge. 
Die Dame sei drei 
Wochen hier gewe 
sen, gestern sei sie 
fort; Herr Tho m- 
s e n habe ihr Zim 
mer (der Concier 
ge lächelte; solche 
Leute kombinieren 
immer sehr schnell 
und merkwürdig 
richtig). Post sei 
an Hotel „Bauer- 
Grünwald“, Vene 
dig, nachzusenden. 
— „Danke, danke, 
danke 1 Ich reise 
heut Abend . . . 
Es geht kein 
Dampfer mehr? — 
Dann morgen früh! 
Verstehen Sie!? 
Mit dem ersten 
Dampfer! Nach 
Flüelen, zum Gott 
hardexpress . . 
Der Concierge 
lächelte, diskret, 
wie ein chinesi 
scher Bonze etwa. 
Thomsen ging die 
abendliche Straße 
entlang, Brunnen 
zu, gedankenlos 
oder nur mit dem 
einen Gedanken: 
Wochenlang war 
sie hier und ich 
komme einen Tag 
zu spät. Er ging 
bis Kindlismord- 
kappellc; und bis 
dorthin hatte er 
sich noch nicht 
klar gemacht, war 
um er seiner ehe 
maligen Frau nach 
reisen wollte: Weil 
er sie liebte? Weil er der Weltwanderschaft satt war? Weil er 
der Eroberungen oder besoldeter Liebe überdrüssig war? Sehnte 
er sich nach ihren kühlen Händen, verlangte ihn nach ihrer 
ruhigen, beruhigenden Stimme? Begehrte seine Manneskraft 
ihren stolzen reinen Körper auf’s neue, der nur ihm gehört 
hatte — nur ihm? Oder . . . oder waren es nur die vergessc-
        
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