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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

Jahrg. 25 
Nr. 75 
6 
SCHWERER TRAUM 
Getio Leander 
Meine Wirtin ist eine gute Trau 
und kennt, wie sie sagt, die Männer genau. 
Nur eines könne sie nickt vertragen, 
das müsse sie mir gfeich anfangs sagen: 
Wenn Besuch ick empfinge zu näcktficker Stund’, 
das sei sofortiger Kündigungsgrund. 
Ick wokne in einem kesseren Hause; 
denn sie sei die Witwe des Baurats Krause. 
Ick sagte, sie könne kerukigt sein, 
ick fieße mick nie auf .so etwas " ein. 
Sie meinte: ,Ick woffte es Ihnen nur sagen." 
Und katte auck nie üker mick zu kfagen. 
Bis daß sie mick anfukr vor einiger Zeit: 
.Herr Referendar . . . hm ... es tut mir sehr keid. . . 
Ick kört’ heute Nackt Sie ganz deutfick sprechen f" 
Da fragte icki .Ist denn das sofck ein Verbrechen9 
Ick träume nämfick oft furchtbar schwer 
und rede dann wokf so vor mtck her! 
Das werden Sie wokf noch öfter kören. 
Sie gfauken es nickt? Ick kann es beschwören!" 
Da war sie kerukigt,- dock bat sie geschäumt 
beute Morgen: .Sie haben wokf wieder geträumt?!?" 
.Gewiß!" — Dock ach — nun war es beschworen 
Eine — Haarnadef katt' ick im Traum verforen! 
Das WeftafT in deinem Haar 
C f> a r fe s Baude faire 
Laß midi den Duft deines Haares schlürfen, lange Zeit/ laß 
midi mein Gesidit ganz darein versenken, untertauchen wie im 
Spiegel eines Qjiells; laß es midi schütteln mit meinen Händen 
wie ein duftendes Tuch, um die Luft mit Erinnern zu tränken. 
Oh, wüßtest du, was alles ich in deinen Haaren sehe, was 
ich in ihnen fühle, was ich in ihnen höre. Meine Seele schwimmt 
in Duft wie anderer Menschen Seelen in der Musik. 
Dein Haar gibt mir einen Traum voll Segel und Masten,- 
große Meere sehe ich branden, deren Wogenkämme midi nach 
berückenden Klimaten tragen, wo der Himmel tiefer ist und 
blauer, wo die Luft geschwängert ist von Aromen der Früchte, 
des Laubs und der Menschen. 
Im Gewoge deines Haares sehe ich einen Hafen wimmeln, 
in dem wehmütige Lieder klingen, in dem Menschen aller Völker 
auf Schilfen vielfacher Gestalt durdieinander wirren — und über 
allem dehnt sich eine ewig sonnende Glut. 
In den Zärtlichkeiten deiner Haare kommt mir Rückerinnern 
an verträumte Stunden, hingedehnt auf dem Ruhebett in der 
Kammer eines schönen Schiffes zwischen Blumenvasen und 
Karaffen mit süßem Wasser, gewiegt von dem kaum spürbaren 
Schlingern des Hafens, 
ln der Glut deiner Haare schmecke ich den Duft von Opium 
und Zucker, die dem Tabak beigemengt. In der Finsternis 
deiner Haare sehe ich den tiefen Azur der Trcpennächte leuchten. 
In dem süßen Flaum deiner Haare berausche ich midi an dem 
Geruch von Teer, Moschus und Kokosöl. 
Laß sie mich zerbeißen, deine schweren, schwarzen Flechten, 
und wenn idi meine Zähne in die zärtlich^zähen Haare presse, 
ist mir, als schmecke ich Erinnerungen. 
Pro domo 
H o n o r e' de Bafzac 
Eine anständige Frau muß in Vermögensverhältnissen leben, die 
es ihrem Liebhaber erlauben, zu denken, daß sie ihm niemals in 
irgend einer Weise zur Last fallen werde. 
* 
Die tugendhaften Frauen haben in sich ein gewisses Etwas, das 
niemals keusch ist. 
* 
Die Männer wären zu unglücklich, wenn sie bei den Frauen 
auch nur im leisesten sich dessen erinnerten, was sie auswendig 
wissen. 
* 
Man hat noch nicht feststellen können, was die Frau mehr zur 
Untreue treiben würde: die Unmöglichkeit, sich eine Abwechslung 
zu gestatten oder die Freiheit, nach ihrem Belieben zu handeln. 
* 
Die Dauer der Leidenschaft zweier Menschen, die der Liebe 
fähig sind, richtet sich nach der Stärke des ersten Widerstandes der 
Frau oder der Hindernisse, die die Zufälle des gesellschaftlichen 
Lebens dem Glück der Liebenden entgegenstellen. 
* 
Der Mensch gelangt von Abneigung zur Liebe; aber wenn er 
mit Liebe begonnen hat und von dieser zur Abneigung übergeht, 
kehrt er niemals zur Liebe zurück. 
* 
Je mehr Urteil, desto weniger Liebe. 
* 
Die Frau ist für ihren Mann, was ihr Mann aus ihr gemacht hat. 
* 
Liebende wissen nichts von Schamhaftigkeit.
        
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