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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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Ein Reiseerfeßnis von Otto M. Mich a e (i s 
Ein Coupe zweiter Klasse im Nacht-D = Zug Berlin — Aachen. Sämtliche Gardinen sind zugezogen. Eine 
reizende, junge Dame — die mir gegenüber sitzt — und ich sind von Magdeburg ab allein in dem Coupe. 
Ich lege meine Lektüre fort und zünde mir eine Zigarette an. 
Die Dame: »Würden Sie vielleicht so gütig sein und das 
Licht ausdrehen, wenn Sie es nicht mehr brauchen!« <Sie sieht 
midi mit ihren herrlichen Augen so bittend an.) 
Ich: »Mit Freuden, gern !« <Stehe auf und suche hinter der 
Iurgardine nach dem Schalter. — Knips! — Es ist dunkel, 
ganz stockdunkel im Coupe.) 
Sie: »Idi danke Ihnen recht sehr! — Ich möchte nämlich 
etwas ruhen!« 
Ich: »Genieren Sie sich, bitte, meinetwegen nicht.« (Ich höre 
das Rauschen und Knistern ihrer Dessous und weiß: jetzt stiedct 
sie das entzückende Körperchen auf dem Polster aus. — Und 
es ist so-o-o»o dunkel im Coupe, und ich sitze ihr gegenüber 
und beiße die Zähne zusammen, denn — idi bin verlobt!) 
Sie: »Reisen Sie oft?« 
Ich: »O ja! — Gestatten Sie übrigens — — « (Ich nenne 
meinen Namen.) 
Sie: »Angenehm! — — Sagen Sie, wie lange fährt man noch 
bis Hagen?« 
Ich: »Ungefähr sieben Stunden!« 
Sie: »O Gott, sieben Stunden, in denen man nicht lebt!« 
Ich: »Aber ich bitte Sie, Gnädigste, Sie leben doch! — Wenn 
Sie vielleicht meinen, daß Sie etwas versäumen während dieser 
sieben Stunden, können Sie das doch immer wieder nachholen!« 
Sie: »Nein! Niemals! — Eine Frau lebt doch nur in der 
Liebe, was man darin versäumt, kann man n i e nachholen!« 
Ich: »Ich beneide den, der Ihnen dieses Leben geben darf!« 
Sie: »Man soll niemand um das beneiden, was man selbst 
auch haben kann!« 
Ich: »Das stimmt allerdings!« {Anscheinend hatte sie vorher 
gesehen, daß ich verlobt bin.) 
Pause! — — — 
Sie: »Man fährt doch eigentlich jetzt auch in der zweiten 
Klasse recht ungeniert. Ich glaube nicht, daß in diesem 
Coupe noch jemand Platz suchen wird!« 
Ich: »Das ist schon möglich, denn erstens hält der Zug bis 
Hagen sehr selten, und zweitens fahren heutzutage die meisten 
Reisenden in der dritten Klasse, weil die bedeutend billiger ist!« 
Sie: »Um so angenehmer für die, die das Fahrgeld nicht 
scheuen.« (Sie seufzt ungefährt wie ein Lehrer seufzt, den 
seine Schüler durchaus nicht verstehen.) 
(Ich vermute, daß sie schlafen will und verhalte mich deshalb 
ruhig. Einen Augenblick lang steigt in mir der Wunsch auf. 
jetzt ganz vorsichtig ihre Händchen zu fassen und dann, wenn 
sie mir die Händchen läßt, ihre rosigen Lippen, die ich im Geiste 
immer noch vor mir sehe, zu küssen. Um aber eine entschiedene 
Zurechtweisung zu vermeiden, unterdrücke ich dieses Verlangen. 
Entzückend ist dieses Weibchen, ganz furchtbar entzückend! Man 
könnte beinahe fast zu Unbesonnenheiten schreiten! Doch ich 
m u ß mich beherrschen, ich bin ja verlobt! — Ich versuche eben* 
falls zu schlafen, aber es gelingt mir nicht.) 
Kurz vor Hagen erhebt sie sich und schaltet selbst das Licht 
wieder ein. Sie sieht nicht aus, als ob sie geschlafen hat, und 
ein eigentümliches Lächeln umspielt ihren schönen Mund. Mit 
einigen geschickten Griffen bringt sie ihr Haar in Ordnung und 
pudert leicht ihr feines Gesicht. 
In Hagen trage ich ihr den Koffer auf den Bahnsteig hinaus. 
Sie: »Sie sind sehr liebenswürdig! (Sie reicht mir dieHand.) Ich 
muß mich ja eigentlich auch noch bei Ihnen bedanken, nicht wahr?« 
Ich: »Idi wüßte nicht wofür!« 
Sie: »Na, wir befanden uns doch sieben Stunden hindurch in 
einer Situation, die mancher andere Mann wenigstens versucht 
hätte auf eine für ihn angenehme Weise auszunützen!« (Und 
wieder legt sich dieses seltsame Lächeln um ihren schönen Mund.) 
Ich: »Ich hätte einen solchen Versuch niemals gewagt!« 
Sie (immer noch lächelnd): »Sie sind Ausländer, nicht wahr?« 
Ich: »Wie kommen Sie darauf? - Ich bin kein Ausländer!« 
Sie (jetzt ganz ernst): »Nicht?« - - (fast grob): »Na, 
betragen haben Sie sich wie ein Türke! — 
Adieu!« (Und eilig geht sie den Bahnsteig entlang.) — — — 
»Wie ein Türke - - — « Ich bin nicht ganz im Bilde! 
Im Coupe hatte ich nachher eine Vision: ich sah einen Ha 
remswächter, der wunschlos die schönsten Frauen be» 
trachtet. — — — Da dämmerte es: »Wie ein Türke!« 
Ich Ochse! — Ich riesengroßer Ochse! — — — — — ~ 
GUTER RAT 
Heinrieß PeßeT 
Ließe stets der Mäddoen zwei; 
denn, wenn eine ßeute 
oder morgen treufos wird, 
ßfeißt dir gCeich die zweite 
Lauf dir nur die Hörner aß, 
Jüngfing, ohne Reue; 
denn dereinst im Lßestand 
kriegst du wieder neue.
        
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