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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

gemeinsame Schwimmbad nicht aufsuchte, um dort 
Damenbekanntschaften zu machen, hättest du dir doch 
eigentlich selbst denken können, und wie hätte auch 
wohl sonst die Versuchung an mich herantreten sollen, 
von der ich euch erzählen will.“ 
„Ach ja, erzähle,“ baten die Freundinnen, aus deren 
Augen die Neugierde und die 
gespannteste Erwartung auf 
ein kleines, pikantes Aben 
teuer sprachen. Und das Ge 
burtstagskind meinte: „Wer 
Kitty jel?t noch einmal unter 
bricht, erhält den ganzen Nach 
mittag kein Stück Kuchen oder 
Torte mehr.“ 
„Dann gib mir bitte zur Vor 
sicht lieber gleich noch eins,“ 
meinte Hanni, eine schlanke, hübsche, dunkle Brü 
nette von 19 Jahren, „denn wenn ich esse und den 
Mund voll habe, spreche ich ganz bestimmt nicht. 
Daß man das nicht darf, habe ich schon in der Schule 
gelernt.“ 
„Also stopfe ihr schon den Mund, Martha,“ baten 
die anderen, und die schob der Hanni, damit die nun 
auch wirklich schweige, statt des einen drei große 
Stücken Torte hin. 
Gleich darauf erzählte Kitty weiter: „Ich kann euch 
nur sagen, es war wirklich ein auffallend hübscher, 
tadellos gewachsener Mensch mit einem klugen, ener 
gischen Gesicht, mit wundervollen dunklen Augen, 
mit schönem, dunklem Haar und, wie ich besonders 
betonen muß, mit einem sehr dichten Schnurr- und 
Spitjbarf. Aber das Schönste an ihm war doch wohl 
sein kräftiger, muskulöser Wuchs, nnd bei keinem 
der anderen Herren, die dort im Badekostüm herum 
liefen, habe ich auch nur annähernd 
so schöne Beine gesehen. Ja, ich muß 
offen gestehen, ich hatte bis zu der 
Stunde immer geglaubt, schöne und 
verführerische Beine zu besitzen, sei 
das Vorrecht der jungen Mädchen.“ 
„Wollt ihr meine mal sehen?“ 
kaute Hanni mit vollen Backen. „Ich 
sage euch, die sind nicht von Pappe,“ 
und ehe die andern es hätten verhin- 
hindern können, legte sie eins ihrer 
wirklich bildschönen schlanken Bei 
ne, die mit ganz dünnen,hellgrausei 
denen Strümpfen bekleidet waren, 
mitten zwischen die Kuchenteller auf 
den Kaffeetisch, aber sie zog es 
gleich darauf etwas beleidigt und ge- 
kränktwiederzurück.da niemand ihr 
den Gefallen tat, es zu bewundern. 
«Wie der Herr hieß, tut wohl nichts zur Sache,“ 
fuhr Kitty nach dieser abermaligen Unterbrechung fort, 
„und es ist auch gleichgültig, daß er eigentlich ein Pole 
war, obgleich er von deutschen Eltern abstammte. 
Genug, gleich am ersten Tag lernten wir uns kennen, 
und wir waren fortan täglich zusammen. Wir verab 
redeten uns zum gemeinsamen Schwimmen, und wenn 
wir müde geworden waren, gingen wir an den Strand, 
legten uns in den weichen warmen Sand und ließen 
uns von der Sonne bescheinen. Und wenn wir dann 
nebeneinander lagen, plauder 
ten wir zusammen. Der Pole, 
ein Doktor, erzählte mir Ge 
schichten oder aus seinem Le 
ben, und ich kann nur sagen, 
das verstand er so meisterhaft, 
und so lustig, daß ich oft aus 
dem Lachen gar nicht heraus 
kam. Aber in der Hauptsache 
machte er mir selbstverständ 
lich den Hof, und das in einer 
so reizenden, galanten Weise, daß ich mich dabei tat 
sächlich immer mehr in ihn verliebte, und da ich ihm 
schon längst anmerkte, daß er sich auch in mich ver 
liebt hatte, wartete ich täglich darauf, daß er mich 
bitten würde, mich einmal küssen zu dürfen, obgleich 
ich mir selbst sagte, daß das eigentlich ein Unsinn 
wäre, denn solche Küsse erwecken doch nur Hoff 
nungen und Wünsche, die sich ja doch nicht erfüllen 
lassen. Trofjdem aber hatte ich mir vorgenommen, 
ihm seine etwaige Bitte nicht abzuschlagen, ja, mich 
auch gar nicht erst lange zimperlich anzustellen und 
mich zu sträuben. Aber als er mich dann wirklich 
eines Tages um einen Kuß bat, nein darum, mich 
küssen zu dürfen, da wurde ich in meinem Vorsatz 
doch irre, denn wißt ihr, wohin er mich küssen wollte?“ 
„Natürlich auf den Mund," rief eine Stimme. 
„Ach was, Unsinn,“ widersprach eine andere, „dann 
hätte Kitty sich den Kuß doch nicht erst nachträglich 
zu überlegen brauchen.Sicher wollte 
er sie auf die Augen küssen.“ 
„Oder auf die Haaret“ 
„Nein,auf den Hals und Nacken I“ 
„Oder auf die nackten Füße!“ 
Die Stimmen schwirrten durch 
einander, bis eins der jungen Mäd 
chen meinte: „Ich weiß, wohin er 
Kitty küssen wollte, sicher auf ihren 
hübschen Busen.“ 
„Schäme dich Trudel,“ sagte eine 
andere, „warum sagst du da nicht 
lieber gleich auf die Beine?“ 
„Und das wäre sogar beinahe 
richtig gewesen,“ stimmte Kitty bei, 
„denn da ihr es anscheinend allein 
nicht erratet, will ich es euch nur 
sagen, wohin er mich küssen 
wollte — in die Kniekehlen.“ 
Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen 
des Erstaunens und der Überraschung, dann aber 
hieß es teils ernsthaft, teils unter lautem Gelächter 
der jungen Mädchen: (TortSetzung auf Seite 17)
        
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