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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

A hnt ihr denn überhaupt, ihr reizenden Modedamen, welch ungeheurer Fleiß uni 
k. euretwillen entfaltet wird? Wie fieberhaft Modistinnen und Schneider arbeiten, 
um für euch eine nie gesehene Mode zu schaffen? Wie die Köche sich die Köpfe 
zerbrechen, um ganz neue, noch nie gegessene 
Gerichte für eure verwöhnten Gaumen zu 
erfinden, wie die Theaterdirektoren die 
unglaublichsten Stücke einstudieren, damit 
sie eure schönen Augen erfreuen? Wie 
die Tanzmeister aller Herren Länder sich 
in geheimen Kongressen vereinigen, um 
noch nie dagewesene Tänze zu schaffen und 
wie die Pelzhändler — besonders die Pelz- 
händler! — sich sogar in dem Werk des 
Schöpfers versuchen, und die sonderbarsten 
liere aus dein Erdboden stampfen, 
ihre Felle eudi glücklichen 
Modedamen, für die die ganze 
um 
CfiinchUTamancet mir HermeCinscfnvänzen. 
Phot.: P. Senne che. 
Welt arbeitet, euch allein, 
um die fröstelnden weiften 
Schultern zu legen! 
Was soll (ine hübsche 
Frau bei 10° Kälte an 
deres tun, als zum Pelz 
händler gehen? Miß 
Muriel Spring, eine junge, 
verführerische amerikani 
sche Künstlerin, tat das 
natürlich auch. Noch dazu, wo sie 
in Paris weilte. Sie bestellte bei 
einem Meister der französischen 
Kürschnerkunst einen bescheidenen Pelzmantel für die Kleinigkeit von 75 000 Franken 
Was bedeutet diese Summe denn auch für eine junge, verführerische, amerikanische 
Künstlerin ? Aber . . . aber . . . Mift Spring ist eine Frau, und eine Frau ist ver 
änderlich. Der Pelzmantel, den sie um zwölf Uhr vormittags bestellt hatte, gefiel 
ihr nicht mehr, als sie nachmittags um fünf Uhr Tee trank. 
Und nun kommt das Drama, bei dem einem — trot) 10“ Kälte! — heiß werden 
kann. Der große, riesengroße Pariser Pelzliändler behauptet, einen festen Auftrag 
erhalten zu haben, der Mantel sei bereits zugeschnitten worden und würde Fräulein 
Spring wenn das überhaupt möglich ist — noch hübscher erscheinen lassen. 
Der Pelzhändler will infolgedessen seine 75 000 Franken haben, aber Miß Spring 
will sie nicht bezahlen. Er hat einen Rechtsanwalt genommen, — sie ebenfalls. 
Sie sagt, sie habe den Pelz nicht fest bestellt, er behauptet das Gegenteil. Wenn 
überhaupt ein Irrtum möglich ist, schreibt Miß Spring ihn nur ihrer Unkenntnis 
in der französischen Sprache und ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit zu, die 
sie zu allem ja sagen läßt, wenn man sie höflich um etwas bittet. Sie hat den 
Pelz noch denselben Abend abbestellt, das kann auch ihr Friseur beschwören. 
Wenn der Pelzhändler das nicht verstanden hat, so liegt das eben an ihm und 
nidit an ihr. Uud das glückliche Paris hat nach dem Prozeß Landru sofort 
wieder eine neue Sensation! 
Es ist eine alte Geschichte, daß Pelze von allen Kleidungsstücken diejenigen 
sind, die am besten gegen Kälte schüfen, aber wo sie hernehmen und nidit 
stehlen? Bei den Preisen? Es haben sich sdion Tiere in den wärmespendenden 
Dienst gestellt, von denen man früher nie eine solche Fähigkeit verlangt hätte, 
wie das Eidihörnchen, das Kameel und der Affe. Namentlich der beiden letjteren 
pflegte man sidi eigentlidi nur als Schimpfworte zu bedienen, während die Frau 
- wenn sie sie nur hat — sie je^t mit so inniger Wärme ans Herz und andere 
Körperteile drückt, daß sie sich überhaupt nicht mehr vorstellen kann, wie sie sie 
im lebenden Zustande so erniedrigen konnte. 
Wenn gestern noch Seiden- oder Wollmäntel genügten, so m u ß eben heute der Pelz besdiafft 
werden. »Soll idi mir vielleidit den Tod holen bei 10“ Külte?« Nein, das soll sie nicht, dazu ist 
sie viel zu hübsch und schließlich — so pleite oder so pleite! Noch nie haben sich unsere Kürsch 
ner von einer so vollkommenen Seite gezeigt, wie diesmal, wo sie die Tierfelle mit einer Zartheit 
und einem Geschmack behandeln, daß ein Chinchillamantel mit Hermelinschwänzchen, ein weit 
Breirscfnvanzjadie 
ruf AffenpeCzrodr. 
Phot: Wide Worfd 
6
        
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