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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

/C r l m i n a t - ^ e a / e r 
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Ins Gebiet des 
Kriminaltheaters 
gehört auchStrind- 
bergs»Totentanz«. 
Für Unkundige: 
Strindberg ist kein 
Komponist und der 
» Totentanz« nicht 
etwa eine neue 
Form des Jazz. 
Mehr noch als des 
D ie Wallnerbühne, sonst 
die Fleimstätte des leich 
testen Operettengenres, die mehr 
noch als im Zeichen der Kehle 
in dem der Kniekehle stehende 
Kunststätte, hat sich vorüber 
gehend als »moralische Anstalt« 
herausstaffiert. Herr Leopold 
Thoma, Kriminalpsychologe und 
Dichter dazu, hat dort einem 
wißbegierigen Publikum sechs 
kriminalpsychologische Szenen, 
benamset »Medium« und als 
Drama auffrisiert, zum besten 
gegeben. Dies mit hochmorali 
schen Absichten. Also Aufklä 
rungstheater. Schon faul! Man 
hat uns mit Hilfe des Films so 
intensiv aufgeklärt, daß hier »zu 
tun fast nichts mehr übrig bleibt«. 
Am Ende werden die Kriminal 
psychologen meinen, daß Herr 
Thoma ein großer Dichter sei, 
während die Dichter, weltfremd, 
wie sie angeblich sind, ihn viel 
leicht für einen großen Kriminalpsychologen halten. Der 
Autor mit dem doppelten Boden hat in seinem erläutern 
den Lehrvortrag — schon faul — eindringlich vor hyp 
notischen Veranstaltungen gewarnt. Leider nicht vor seiner 
eigenen. Wenn 
festgestellt werden 
kann, daß Künstler 
wie Robert Garri- 
son,FranzHöbling, 
Gertrud Eysoldt 
und Dora Schlüter 
sogar aus diesem 
Lehrfilm Mensch 
liches und Drama 
tisches hervorzu 
locken vermoch 
ten, so ist das 
höchstes Lob. 
dänischen Pessimisten und Wei 
berhassers andere Dramen ist 
der »Totentanz« psychopathische 
Poesie. Nur für Leute mit guten 
Nerven! Schwachnervige sind 
gewarnt! Und das gleichfalls 
im »Kleinen Theater« 
verzapfte »Kleine Schokoladen 
mädchen« ist zweifellos amüsan 
ter. Aber die Darstellung! Die 
gab Naturalismus, der Kunst ist. 
Welch Dreibund! Paul Biens- 
feldt, Irene Triesch und nicht 
zuletzt der hannoversche Ober 
regisseur Harry Moss als voll 
wertiger Hartau - Ersatz. Da 
konnte Hartau sich schon die 
Indisposition leisten. 
Wenn sich der Gast von der 
Kriminalpsychologie und der 
Psychopathie mit Grausen wen 
det, wird er sich zur Abwechs 
lung gern an vollem, ehrlichem 
Theater erholen. Ob es auch 
ein Franzose ist, den uns das — 
Deutsche Theater präsentiert. Um Goethe zu 
variieren: Ein echter deutscher Mann hat keinen Franzen 
lieb, doch sieht er Stücke gerne von Sardou und Scribe. 
Von des letzteren Massenproduktion hat »Ein Glas 
Wasser« sich in 
achtzig Jahren eine 
bemerkenswerte 
Frische bewahrt, 
und eine Glanz- 
auffiihrung, an der 
AgnesStraub,Her 
mine Sterler, Anni 
Me wes, Walter 
Janssen und Hans 
Brausewetter par 
tizipierten, flößte 
ihm neues Leben 
ein. Aber wir wol 
len doch hoffen, 
daß die Repara 
tionskommissionin 
ihren»Sanktionen« 
zu allem anderen 
nicht auch noch 
die Zwangsauf 
führung franzö 
sischer Theater 
stücke vorsieht. 
Deutschen Theater. 
FrC. Meines. 
„Ein Gfas Wasser" im 
Herr Brausewetter. Herr Janssen. 
Dr. Beppo.
        
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