Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

G uten Tag, Gerd! Na, was macht denn deine Lissi?« 
»Was wird sie machen! Tollheiten«, sagte der junge 
Maler und Klemmte den Pinsel zwischen seine Zähne, um dem 
Freunde die Hand schütteln zu können. 
»Natürlich! Wie immer!« lachte Kurt und ließ sich behaglich 
auf einem Hocker mit altitalienischer Schnitzerei nieder. »Was 
hat sie denn wieder angestellt?« Bei dieser Frage bot er dem 
Freunde das gefüllte Zigarettenetui, das dieser aber mit stummem 
Kopfschütteln ablehnte. 
»Das muß ja ganz was 
Schlimmes sein, wenn du 
sogar die Zigarette ver 
schmähst«, lachte der 
jungeMann. »Erleichtere 
dich! Was hat Lissi an- 
gestellt?« 
»Eine Mordsdumm« 
heit! Jetzt will sie zum 
Theater gehen!« brauste 
der Maler auf. 
»Warum das gerade 
eine so große Dummheit 
sein soll, sehe ich nicht 
ein.« 
»Erlaube mal«, schnauzte Gerd, »Lissi hat nicht einen Funken 
Talent und mit ihrem Zungenfehler kann sie doch nicht sprechen.« 
»Ich finde, daß sie — unberufen — recht viel spricht«, war 
Kurts ironische Entgegnung. »Und das bißchen Anstoßen mit 
der Zunge macht sich sogar allerliebst.« 
»Aber nicht auf der Bühne!« schrie Gerd erbost und schleu 
derte Pinsel und Palette in die Ecke. »Und wer hat den Schaden 
von dieser Dummheit? Nur ich. Jetzt schon hat sie mir er 
klärt, daß sie mir nicht länger Modell stehen will.« 
»Darum darfst du dem Mädel doch nichtsein Glück mißgönnen.« 
»Glück!« entgegnete Gerd achselzuckend. »Ein Glück ist 
es einzig, daß sie bei dem Zungenfehler doch keiner engagiert. 
Und das ist mein Trost.« 
Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte Kurt, 
der vor dem halbfertigen Bilde stehengeblieben war, anerkennend: 
»Du hast deine Studien aus Griechenland famos verwendet. 
Wundervoll majestätisch diese Schlucht mit ihrer grausigenTiefe.« 
»Die Schlucht bei Nonakris in Arkadien«, erklärte Gerd, 
ganz in sein Bild vertieft. »Hier wohnt Styx, die Eidesgöttin 
der Unsterblichen, als Nymphe. Sie sitzt auf dem Stein. Vor 
läufig aber noch ohne Beine, weil Lissi mir die Modelle entzieht. 
Ausgerechnet ihre Beine, das Schönste an ihr!« schloß der Maler. 
Kurt ging auf diese Wutäußerung nicht ein, sondern sagte, 
wie ganz versunken in das Bild: Diese beiden säulenartigen, ge 
waltigen Felsen hier, zwischen denen sich der Styx hindurchwühlt, 
wundervoll! Man möchte sie die Säulen des Styx nennen.« 
»Was sind die Säulen des Glücks?« ließ sich da eine helle 
Stimme von der Tür her vernehmen, und ein kleines, graziöses 
Persönchen wirbelte herein. Die lebhaften Augen sprühten im 
Übermut, und unter dem überkurzen, seegrünen Kleidchen 
guckten ein Paar schlanke, prachtvoll geformte Beine hervor, 
die in tadellosen Seidenstrümpfen steckten. 
Gerd wandte sich brüsk zur Seite und murmelte mehr treffend 
als galant: »Schaf!«, während Kurt sein siegendes Lachen er 
schallen ließ undLissi mit ausgestreckten Händen bewiilkommnete. 
Die Kleine verzog schmollend den Mund: »Ihr sollt mich nicht 
immer auslachen! Was die Säulen desGlücks sind, will ich wissen!« 
»Die haben für jeden andere Gestalt und Art, Lissichen. 
Für den einen sind es Goldrollen, für den anderen die Blätter 
des Lorbeers«, philosophierte Kurt. 
»Ach, du machst dich bloß über mich lustig«, schmollte Lissi, 
»Alte, vertrocknete Lorbeerblätter können doch keine Säulen 
sein! So dumm bin ich nicht, daß ich das nicht wüßte.« 
»Rede nicht so viel Unsinn! Mach dich lieber fertig, daß 
ich anfangen kann«, sagte Gerd barsch. 
»Ach, du denkst, ich werde dir sitzen? Nein, mein Lieber, 
für eine angehende Künstlerin schickt sich das nicht. Richtig, 
das habe ich euch ja noch nicht erzählt: Ich gehe jetzt zum 
Direktor vom Orpheum/ er will mich für die neue Operette 
engagieren. 'Wenn ich den Kontrakt habe, komme ich wieder.« 
»Darauf werden wir lange warten können«, rief Gerd grob. 
Wütend stopfte er sich eine kurze Stummelpfeipfe und ging 
stumm wieder an seine Arbeit. Kurt vertiefte sich in ein Buch. 
So verging zwischen stummer Arbeit, ingrimmigem Rauchen 
und nachlässiger Lektüre wohl eine halbe Stunde. Da wurde 
plötzlich die Tür stürmisch aufgerissen und Lissi wirbelte her 
ein, glückselig ein Papier schwenkend. 
»Ich bin engagiert! Hier ist mein Kontrakt!« jubelte sie. 
Verblüfft starrten beide Lissi 
an, die mit ihren Beinen über 
mütig in der Luft herumfuchtelte. 
»Jawohl, starrt mich nur un 
gläubig an!« sprudelte sie hervor. 
»Der Direktor war sehr liebens 
würdig. Liebes Kind, sagte er, 
für Partien sind Sie noch nicht 
ganz reif, aber ich engagiere Sie, 
denn Sie haben schöne Beine.« 
Dabei hob sie kokett das kurze 
Röckchen. »Jetzt weiß ich auch, 
was Ihr vorhin nicht verraten 
wolltet: das sind die Säulen 
des Glücks!« Georg Scbadi. 
4
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.