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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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je Dollar desto toller — nämlich die Preise. Was muß heute 
verdient werden, wenn ein Paar Schuhe bereits 4000 Mark 
kosten und ein Paar Maßschuhe sogar 8000 Mark? Wie lange 
noch und die einst so angesehene deutsche Mark teilt das 
Schicksal der völlig zusam- 
mengebrochenen österreichi- 
sehen Krone. Vivat sequentes. 
Mit dem Dollar bewegen sich 
lustig die anderen Edelvaluten 
nach oben, das englische Pfund, 
der französische Franc usw. 
Selbst die tschechische Krone 
hat einen Stand erreicht, den 
sie sich nie hätte träumen 
lassen. Galt sie doch an 
manchen Tagen bereits das 
70 fache der deutschen Mark. 
Die Wirkung dieses unge- 
sunden Zustandes verspürt 
die Industrie der tschecho 
slowakischen Republik am 
eigenen Leibe / denn sie ist 
fast völlig exportunfähig ge 
worden, zumal die Tsche 
choslowakei von schwach 
valutarischen Ländern wie 
Deutschland, Österreich und 
Polen umgeben ist. 
Besonders die Grenzbe 
wohner geraten durch den Valutaunterschied in die seltsam 
sten Situationen, die einer gewissen Komik nicht entbehren. 
So konnte man neulich in einer Zeitung lesen, daß ein Bote 
in einem tschechischen Grenznest in der Nähe der deutschen 
Stadt Ziegenhals einen Brief, der nach Deutschland gerichtet 
war, zur Post tragen sollte, und zu diesem Zweck drei Kronen 
für Portospesen erhielt und eine Krone Botenlohn. Der Bursche 
ging über die Grenze und erhielt für die vier Kronen 240 Mark. 
Drei Mark klebte er auf den Brief, und das Übrige legte er in 
Alkohol an. 
Selbst vor den 
'stillen kleinen 
Häuschen in den 
öffentlichen An 
lagen hat die 
Preissteigerung 
nicht Halt ge 
macht. Die alte 
Frau, die mei 
stens mit einem 
Strickstrumpf 
vor derTür sitzt, 
antwortet auf 
den entsetzt fra 
genden Blick des 
Besuchers: »Na, 
wissen Se, bei 
dem Dollarstand 
wird det Papier 
oodi immer teu 
rer!« — Hörst 
du wie der Dollar 
steigt? — In ei 
nem Wiener 
Witzblatt ist eine Karikatur gezeichnet, die einen Österreicher 
darstellt, der vor einer Bedürfnisanstalt in Genf steht. Er 
wagt sich nicht hinein, weil er in Gedanken überrechnet hat, 
eine wie große Menge deutsch-österreichische ■ Kronen ein 
einmaliger Besuch kosten 
würde. In Wirklichkeit eine 
bittere Satire. Dabei finden 
Konferenzen über Konferen 
zen in allen möglichen Län 
dern statt, ohne daß eine 
wirkliche Hilfe aus dem 
wirtschaftlichen Chaos ge 
schaffen wird. 
Nämlich, während die 
Konferenzen steigen, steigt 
auch der Dollar, und bei 
diesem Wettrennen muß der 
Konsument zum Schluß die 
Puste verlieren, denn er kann 
leider nicht, wie es heute 
schon manche Produzenten 
kreise fordern, in Edelvaluta 
zahlen. Hörst Du's, wie der 
Dollar steigt? 
Recht gut illustriert die 
Situation folgender Bör 
senwitz, der augenblick 
lich in Berlin die Runde 
macht: Nach irgend einer 
der vielen politischen Zusammenkünfte sitzen Lloyd George, 
Wirth, Barthou, der österreichische Kanzler Schober und 
Tschitscherin bei einem gemütlichen Abschiedssouper im 
Restaurant. Als es zum Zahlen kommt, nimmt Lloyd George 
ein Goldstück aus der Westentasche und gibt es dem Ober. 
Nach ihm zahlt Barthou mit einer Banknote, Wirth zahlt mit 
einem Bündel Tausender, Schober greift ebenfalls in die Brief 
tasche, bringt ein Papier zutage und überreicht es dem Kellner. 
Auf die erstaunte Frage des Kellners antwortet Schober: 
»Das ist der 
Frachtbrief! Der 
Waggon mitdem 
Geld ist auf 
dem Bahnhof.« 
Schließlich be 
gleicht auch 
Tschitscherin 
seine Rechnung. 
Er holt aus 
seiner Hand 
tasche ein großes 
Paket und hän 
digt es dem 
Ober ein mit 
der Erklärung: 
»Das sind die 
Klischees zum 
Sowjetrubel. 
Drucken Sie sich 
davon, soviel 
Geld Sie wol 
len!« — Hörst 
Du's, wie der 
Dollar steigt? 
Unser täg(icf) Brot gib uns heute!
        
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