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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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A'OVELLE VON ö E O fZ <3 Ef / ß. E, CH FE L O 
CTortsetzung und ScßfußJ 
Erstellte ihr ihren Bräutigam, Herrn TheodorFröschel 
aus Spremberg, als ausgemachten Halunken dar. 
Eine dunkle Vergangenheit lag — so behauptete der 
unbekannte Schreiber — hinter seiner sonnigen Gegen 
wart. Nicht zu prüfen, nie zu ergründen — aber der 
erste Glücksschimmer war fort. Lottes schlichte 
Mädchenseele kam vollständig in Verwirrung. Sie 
konnte nur immer wieder denken: drei Wochen vor 
der Hochzeit. 
So tappte sie sich an Theodors Arm durch den 
dunklen Korridor, wo es dumpf nach Oberst Warners 
Pfeifen roch. Theodor spürte nur das Deutliche — 
die zitternde Furcht in Lottes Kinderarm spürte er 
nicht. Nun standen sie in dem Biedermeierzimmer. — 
„Nich schlecht — was?“ meinte Thodor. „Wenn 
man dem ollen Krippensetzer doch die Möbel ab 
kaufen könnte!“ — Lotte schwieg. Dann schüttelte 
sie so heftig den Kopf, daß er sie überrascht ansah: 
„Was is denn deine Ansicht?“ — „Ich glaube, er 
gibt sie niemals her. Die Möbel sind ihm heilig 
wegen seiner Frau.“ 
Ihre Stimme war ganz tonlos — das hörte er nun 
doch. Aber er dachte, sie ist aufgeregt, es ist die 
Sehnsucht der Erwartung. Sie denkt sich wie es 
hier sein wird in drei Wochen, wenn erst unsere 
Betten dastehen. — „Na, lassen wir dem Ollen seinen 
muffigen Krempel. Wir wollen froh sein, wenn wir 
ihn los sind. Hier wird unser Schlafzimmer sein.“ — 
Er zog Lotte an sich und küßte sie auf den weißen 
Hals. Ein wenig zurückschreckend spürte er, daß 
ihre Haut mit kaltem Schweiß bedeckt war. 
„Drüben is die gute Stube, und dann kommt das 
Eßzimmer — neben der Küche — sehr praktisch. 
Komm doch mit!“ 
Er wollte hinübergehen und sah sich ungeduldig 
nach ihr um. Sie starrte auf seinen linken Fuß, der 
zur Klumpenbildung neigte. Sonst hatte sie nicht 
darauf geachtet und war sogar dankbar dafür gewesen, 
denn die kleine Mißbildung hatte ihn während des 
ganzen Krieges vom Militär befreit. Er verstand sich 
darauf, sie auszunützen — jetzt übersah er sie gern. 
Ärgerlich bemerkte er Lottes Blick: „Herrje, was hast 
du denn?“ 
Sie zwang ihre starren Augen in die seinen hin 
auf. „Eigentlich ist es doch Sünde, daß wir den armen 
alten Mann vertreiben.“ 
„Blech! Blödsinn!“ polterte der Bräutigam. „Was 
fällt dir denn ein? Er kriegt doch ’ne wunderbare 
Wohnung! In der Krausenstraße! Alles is in schönster 
Ordnung! Bloß schikanieren will er uns!“ 
„Könnten wir denn nicht in die Krausenstraße 
ziehen?“ — Sie fragte es ganz mechanisch. 
„Na, nu wirds Tag! Ihr Weiber seid doch unglaub 
lich! Da grübelt man und schindet sich! Du kommst 
in deines eigenen Vaters Haus! Ein wunderbares 
Nest will man dir machen. —“ 
„Es ist doch schließlich ganz egal . . .“ Fast hätte 
sie gesagt: alles ist egal. 
„Lotte, ich will mich nich ärgern! Guck’ mir mal 
in die Augen, Lotte! Was is passiert? Was hast 
du heute?“ 
Er wollte sie an sich ziehen — da riß sie sich los. 
Um keinen Preis ließ sie sich jetzt von ihm berühren. 
Eine unheilvolle Pause kam. Es war der schlimmste 
Auftritt, seitdem sie sich kennengelernt. Theodor 
schöpfte Verdacht, aber er bezwang sich. Vorsichtig 
mußte er sein. Keine Frage mehr kam über seine 
Lippen. 
Während er den Gekränkten spielte, ging Lotte 
mit hängendem Kopf umher und betrachtete Oberst 
Warners Wohnung. Alles berührte sie mit zärt 
lichen Händen. Alles erschien ihr heilig und rein. 
Das Biedermeierzimmer barg die große Liebe zu 
einer Toten. Nein, sie brachte etwas Anderes hinein. — 
In böser Stimmung fuhren sie dann zu den Elfern. 
Lottes Mutter war nur noch von dem Einkauf der 
Aussteuer erfüllt, sie sprach beständig von den 
unerhörten Preisen. Für Menschen hatte ihr die Zeit 
den Blick genommen. Mittags kam Herr Schurich aus 
dem Kontor. Er brachte die neueste Nachricht vom 
Kriegsschauplätze mit. Es flackerte in seinen Augen — 
so fassungslos hatte man ihn noch nie gesehen. 
„Also, Kinder“, japste er „es kommt zum Prozeß! 
Eben ist der Alte bei mir gewesen! Mir platzt noch 
der Kopf, wenn ich an die Auseinandersetzung denke! 
Er erklärt, daß er gutwillig die Wohnung nie verläßt! 
Wegen dem Andenken seiner Frau! Damit rückt er 
jetzt plötzlich heraus! Früher waren es die Bücher 
und die Sammlungen! Also gut! ich lasse mich auf 
nichts mehr ein, Herr Oberst, hab’ ich ihm gesagt! 
Ich verbitte mir von jetzt an Ihre Briefe und Ihre 
Besuche! Das Gericht soll entscheiden!“
        
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