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Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

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S usanne litt an geradezu krankhafter Eifersucht. 
Zehn Jahre kontrollierte sie schon Josefs Tun 
und Lassen, untersuchte seine Taschen, las seine 
Briefe, wachte über den Hausschlüssel, hatte ihre 
blanken, schwarzen Augen überall, und doch hatte 
sie ihn noch nie fassen können. Offenbar war Josef 
viel zu behäbig für Seitensprünge. Er lebte für sein 
Geschäft, das gut ging, liebte seine Susanne, die er 
zu ihrem Ärger immer Suse nannte, rauchte wenig 
und trank selten; Leidenschaften hatte er nicht. 
Trotzdem war Susanne stets auf der Lauer .... 
Die Frühpost hatte sie schon mit prüfenden Blicken 
»gesichtet«; nun griff sie auf dem Korridor gewohn 
heitsmäßig in Josefs Paletottasche, während er am 
Schreibtische saß und arbeitete. Da zuckte sie zu 
sammen . . . Was knitterte da so verdächtig? — Sie 
zog ein Papier hervor. Es war ein Telegramm. Rasch 
entfaltete sie es und — erbleichte. 
»Bin heut 5 Uhr im 
Humbserbräu. DieDicke.« 
Susanne war zunächst 
sprachlos. Dann aber 
wurde es in ihr sehr 
lebendig. Endlich — end 
lich also kam sie ihm auf 
die Sprünge! Also eine 
Dicke hatte er! — Un 
willkürlich fiel ihr Blick 
vergleichend in den großen 
Garderobenspiegel . . . 
Natürlich, Abwechslung 
wollte er haben! Immer 
wilder tanzten ihre Ge 
danken. Also 5 Uhr — 
eine Dicke — Humbser 
bräu. Schön! Ihr pi an 
war fertig. Auf frischer 
Tat sollte er ertappt 
werden! Schnell dasTele 
gramm wieder in die Tasche. Susanne ließ sich 
auch nichts anmerken, als Josef um 4 Uhr beim 
Fortgehen sagte, daß er einen Geschäftsfreund 
treffen wolle, nur um ihre Mundwinkel zuckte es 
verdächtig .... 
Eben hatte es fünf geschlagen, da betrat Susanne 
das Humbserbräu. Von der Tür aus überschaute sie 
das l.okal mit Feldherrnblick und faßte den Schirm- 
grifF fester. Ah, dort! Den Rockschoß und den Hut 
kannte sie. Zielsicher steuerte sie auf die kleine 
Nische zu und — prallte verblüfft zurück .... 
»Aber Suse, wo kommst du denn her? Erlaube, 
daß ich dir meinen alten Freund Karl Diedicke vor 
stelle.« 
Susanne wußte ihre Anwesenheit harmlos zu er 
klären, war anfangs etwas gekniffen, dann aber — als 
ihr Grimm über den Telegraphenbeamten, der aus 
Diedicke — die Dicke gemacht hatte — überwunden 
war, soliebenswürdig, daß 
der Geschäftsfreund es 
wagte, für Josef um Ur 
laub für diesen Abend zu 
bitten. Er hatte Erfolg; 
Susanne gab heute sogar 
den Hausschlüssel her. 
Als die Herren Susanne 
dann zur Elektrischen ge 
bracht hatten und der 
Wagen abgefahren war, 
sagte Diedicke: 
»Nun aber schnell ein 
Auto. Lu und Ada warten 
schon im Orpheum.« 
Josef nahm des Freun 
des Arm und sagte tief 
sinnig; 
»Es ist doch praktisch, 
daß Lu immer Nachricht an 
deine Adresse gibt.« . . .
        
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