Path:

Full text: Berliner Leben Issue 25.1922

11 
grüßung, die der nicht unbekannten Marietta Mara 
galt, mit hoheitsvoller Miene entgegen. Da kam 
plötjlich der diensttuende Spielleiter auf sie zu und 
Luischens Herz begann doch ein wenig ängstlich vor 
dem Gewaltigen zu klopfen. Es war der erste 
Bonvivant, ein eleganter, noch junger Mann mit 
weltmännischen Manieren. Zu Luischens Verwunde 
rung streckte er ihr beide Hände entgegen und 
sagte, daß es wie unterdrückter jubel klang: »Mädel, 
da bist du ja! Ist doch famos, daß wir wieder zu 
sammen sind, nicht? Freust du dich denn auch, 
Liebste?« 
»Ja«, nickte Luischen beklommenen Herzens und 
wußte nicht, was sie von all dem so ganz Uner 
warteten denken sollte. Sie kannte zwar Kurt 
Brenkens Hamen, er selbst aber war ihr bisher 
völlig unbekannt. Plötzlich aber durchzuckte sie wie 
ein leuchtender Blitj die Erkenntnis des Zusammen 
hangs der vor ihr liegenden Situation. — Marietta, 
die Schwester, war doch vor etwa zwei Jahren mit 
Brenken zusammen im Engagement gewesen. 
Brenken, in freudiger Aufwallung, neigte sich zu 
ihr, mit seinem Munde das rosige Ohr berührend, 
flüsterte er ihr zu: »Du, ich komme heute Nachmittag 
zum Kaffee. Wo wohnst du denn?« Kurz ent 
schlossen nannte sie ihre Adresse. 
^ Es war warm und behaglich in dem traulichen 
Stübchen. Die rote Ständerlampe warf magisches 
Licht über die Seidenkissen des Diwans, auf dem 
Luischen lehnte. Sie hatte die Arme hinter dem 
Kopfe verschränkt, so daß die weiten 
Spitjenärmel zurückfielen und die 
vollen, weißen Arme sehen ließen. 
Unter halbgeschlossenen Lidern sah 
sie lächelnd auf den jungen Mann, 
der ihr gegenüber auf einem niedern 
Faburett saß und sie mit glühenden 
Blicken und heißem Begehren be 
trachtete. 
»Marietta, ich kann dir nur immer wieder sagen, 
daß ich ganz unmenschlich froh bin, daß uns das 
Schicksal wieder zusammengeführt hat«, sagte er 
halblaut und seine Stimme fibrierte leise. 
Sie blickte ihn wortlos an und lächelte dabei. 
Da stand er auf, trat hinter sie und beugte sich 
herab. 
»Ach, du! ... Weißt du noch, damals . . . « 
Sie schloß die Augen und trank durstig seine 
Küsse, als er seine Uppen jetjt auf ihren roten, 
vollen Mund preßte. Unwillkürlich schlang sie die 
Arme um seinen Nacken und zog ihn immer fester 
an sich. 
Er fühlte das heftige Pochen ihres Herzens und 
erschauerte leicht. 
»Mädelchen, liebes«, flüsterte er heiß. »Laß mich 
das kleine Heiligtum küssen, weißt du noch, wie da 
mals vor zwei Jahren . . . « 
Seine heißen, fiebrigen Hände zerrten an den 
Spieen. Weiß leuchteten Schulter und Busen ihm 
entgegen. 
Da stutjte er. Suchend irrte sein Blick über die 
enthüllte Pracht da vor ihm. Seine Nasenflügel 
bebten; er spürte den zarten Duft des rosigen 
Fleisches, und fest gruben sich seine Zähne in die 
Lippen. Ein sinnender Ausdruck trat in seine Augen. 
Sollte er sich den wirklich so irren? — Rechts . .. 
links . . . 
Suchend zerrten seine nervös-zitternden Hände 
weiter an dem duftigen Spitjengeriesel. Auch drüben 
nicht! 
»Ja, — — bist du denn nicht . . . ?« 
»Nein! Das war meine Schwester«, sagte sie 
einfach und sah ihn versengend, ihn mit den Blicken 
bannend, an, während sie den Kopf 
ganz in die Kissen lehnte. 
»O, du! • • • Wie schön!« stieß er 
zwischen den Zähnen hervor. 
»Auch ohne Leberfleck?« fragte 
sie schelmisch. 
»Viel, viel schöner!« war die Ant 
wort, und er vergrub sein Gesicht 
zwischen die schneeigen Hügel .... 
Ein künstliches Leberfleckchen hat Luischen sich 
nun nicht mehr zu machen brauchen, aber sonst 
wandelte sie getrost weiter auf den Bahnen ihrer 
Schwester. ■ Von Georg Schade.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.